Das Quartier ist zwar nobel - der Nassauer Hof in Wiesbaden. Aber Wolfgang Pütz erwartet keine gemütliche Zeit: Wir kasernieren uns da drei Tage, schlafen wenig und reden intensiv miteinander - vielleicht bringt das einen Fortschritt. Pütz ist der Chefunterhändler der Arbeitgeber in der Druckindustrie. Seit fast zwei Jahren spricht er mit den Gewerkschaften über neue Tarifregeln. Bisher hat er wenig erreicht. Die Verhandlungen sind festgefahren. Im Nassauer Hof startet Anfang kommender Woche die fünfzehnte Gesprächsrunde.

Statt Ergebnissen folgt in der Branche mit ihren rund 120 000 Beschäftigten seit Wochen ein Warnstreik dem anderen. Der Grund dafür: Es geht nicht einfach um ein paar Prozentpunkte mehr Lohn, wie es früher üblich war.

Stattdessen wird - ähnlich wie in anderen Branchen - über Kürzungen verhandelt: über weniger Weihnachtsgeld und geringere Schichtzulagen, über mehr Arbeit ohne Lohnausgleich - und über die grundsätzliche Frage, ob die Gewerkschaften bei solchen Einschnitten noch mitreden dürfen.

Die Arbeitgeber sagen: Wir müssen Kosten senken, wegen der schwachen Konjunktur und wegen des Europäischen Binnenmarktes. Kataloge und Prospekte werden immer häufiger in Polen oder Tschechien gedruckt - allein die Tschechen exportierten in den vergangenen Jahren Kataloge im Wert von rund 160 Millionen Euro nach Deutschland. Das ist sechzehnmal so viel wie noch 1995. Gleichzeitig geht hierzulande auch das Geschäft zurück, das sich wegen der nötigen Aktualität nicht so leicht verlagern lässt: der Druck von Zeitungen und Werbebeilagen. Dort sorgen die elektronischen Medien für Konkurrenz - die Auflagen vieler Zeitungen schrumpfen, das Anzeigengeschäft wird schwieriger.

Die Gewerkschafter bestreiten die Probleme im Zeitungsdruck nicht. Aber dass diese Branche langsam schrumpft, können Sie auch mit niedrigeren Arbeitskosten nicht auffangen, sagt Frank Werneke, Vizechef der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und Verhandlungsführer der Arbeitnehmer.

Völlig anders als die Arbeitgeber sieht Werneke das Geschäft mit Werbematerialien: Die deutschen Firmen, die im internationalen Wettbewerb mitmischen, sind hochprofitabel, da sind wir Marktführer. Probleme hätten kleine Druckereien, die etwa Beilagen für die Lokalzeitung herstellten und unter der schwachen Binnenkonjunktur litten.

Tatsächlich steckt das Bild der Branche voller Widersprüche: Einerseits exportiert die hiesige Druckindustrie heute fast doppelt so viel wie vor zehn Jahren - der Wert der ausgeführten Broschüren, Werbehefte und Kataloge liegt inzwischen bei mehr als 2,2 Milliarden Euro, 1995 waren es knapp 1,2 Milliarden. Trotz ebenfalls steigender Importe wird immer noch mehr aus- als eingeführt. Insgesamt profitiert die Branche also vom freien Handel in Europa. Andererseits leiden viele Firmen unter schrumpfenden Umsätzen oder stehen unter Rationalisierungsdruck - und reagieren mit Entlassungen. Fast 20 000 Drucker verloren in den vergangenen fünf Jahren ihren Job, das sind knapp 15 Prozent aller Beschäftigten dieses Industriezweigs.