Die Mullahs mit einem Moratorium locken

Der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammed ElBaradei, hat zu einem "fünfjährigen Moratorium" für alle neuen Anlagen zur Anreicherung von Uran und zur Wiederaufbereitung von Plutonium aufgerufen. Alle, die das Regime der Nichtproliferation von Nuklearwaffen bewahren wollen, sollten seinen Vorschlag unterstützen. Auch wenn er zunächst sowohl von Iran als auch von den Vereinigten Staaten zurückgewiesen wurde, sollten Deutschland und andere Staaten ihn wieder auferstehen lassen.

Solch ein weltweites Moratorium würde Iran eine Brücke bauen, einer internationalen Verpflichtung nachzukommen, ohne sich ausdrücklich amerikanischen oder europäischen Forderungen zu unterwerfen. Nur mit Zuckerbrot und Peitsche ist Iran zu überzeugen. Die Vereinigten Staaten und die drei EU-Länder England, Frankreich und Deutschland müssen Iran einen Handel anbieten, den die iranischen Mullahs nicht ablehnen können.

Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche hat gesagt: "Das Vergessen der Absichten ist die häufigste Dummheit, die gemacht wird." Was sollte im Falle Irans unser Ziel sein? Keine iranische Atombombe. Im Vergleich mit einem nuklear gerüsteten Iran sind alle anderen dieses Land betreffenden Probleme zweitrangig, darunter auch die Unterstützung des Terrorismus.

Beim Europabesuch von George W. Bush im Februar waren sich Amerikaner und Europäer einig, dass es Iran nicht erlaubt werden dürfe, Anlagen zur Urananreicherung und Wiederaufbereitung von Plutonium einsatzfähig zu machen. Die gleichen Zentrifugenkaskaden, die Iran zu "friedlichen Zwecken" anstrebt und die leicht angereichertes Uran als Brennstoff für Reaktoren herstellen sollen, könnten hoch angereichertes Uran zum Bau von Atombomben produzieren.

Die drei EU-Länder sind bereit, Iran im Falle einer Einigung bedeutende wirtschaftliche Vorteile einzuräumen. Iran ist begierig auf Handel und Investitionen. Wie der stellvertretende Wirtschafts- und Finanzminister Mohammad Chasai eingeräumt hat, wird Iran in den kommenden fünf Jahren Investitionen von jährlich 20 Milliarden Dollar benötigen, da seine schnell wachsende jugendliche Bevölkerung auf den Arbeitsmarkt strebt.

Von den Vereinigten Staaten will Iran vor allem eine glaubhafte Versicherung, dass Amerika das Land nicht angreifen werde, um einen gewaltsamen Regimewechsel in Teheran zu erzwingen. Die Bush-Regierung ist, glaube ich, bereit, das zuzugestehen – wenn Iran tatsächlich alle Arbeiten an atomwaffenfähigen Anreicherungs- und Wiederaufbereitungsanlagen einstellt. Die amerikanische Regierung wird sich gleichwohl bemühen, dies auf eine Art zu tun, mit dem sie nicht ein von ihr als böse eingestuftes Regime legitimiert.

Russland hat sich vertraglich verpflichtet, nuklearen Brennstoff für ein Kraftwerk in Buschehr zu liefern und den verbrauchten Brennstoff einschließlich des darin enthaltenen Plutoniums zurückzunehmen. Präsident Wladimir Putin hat in klaren Worten festgestellt: "Unsere Position hinsichtlich der Nichtverbreitung von Nuklearwaffen ist konsistent und streng – wir sind kategorisch gegen die Proliferation von Nuklearwaffen und kategorisch gegen jede Art eines militärischen Atomprogramm in Iran."

Die Mullahs mit einem Moratorium locken

Über den Vertrag mit Russland hinaus braucht Iran verlässliche internationale Garantien dafür, zusätzliche zivile Nuklearreaktoren kaufen zu können, verlässlich mit Brennstoff für diese Reaktoren versorgt zu werden und den verbrauchten Brennstoff zu handelsüblichen Preisen entsorgen zu können.

Mit Zuckerbrot allein ist es jedoch nicht getan. Um diesen Deal zu besiegeln, muss die iranische Führung zu dem Urteil gelangen, dass sie zurzeit keine realistische Chance hat, ihr Atomprogramm zu vollenden. Entscheidend dafür ist die glaubhafte militärische Drohung, die Anlagen vor ihrer Inbetriebnahme zu zerstören. Da es darum geht, zu drohen und nicht zu handeln, wäre Ariel Scharon ein idealer Kandidat. Seine Regierung hat keinen Zweifel an ihrem Willen gelassen, ihren Beitrag zu leisten. Scharons Verteidigungsminister Schaul Mofaz hat gewarnt: "Israel könnte unter keinen Umständen Nuklearwaffen in iranischem Besitz dulden."

Alles, was noch fehlt, um dieses Geschäft zustande zu bringen, ist ein entschlossener Vermittler. Während andere Akteure darauf warten, dass die Vereinigten Staaten in diese Rolle schlüpfen, spricht nichts dagegen, dass ein europäischer Staatsmann der Richtige für diese Aufgabe sein könnte.

Iran droht den drei europäischen Ländern, die seit längerem mit Teheran verhandeln, weiterhin mit der Wiederaufnahme der Anreicherung, in der Hoffnung, dass diese nachgeben. Wann immer aber die drei sich standfest gezeigt haben, ist Iran zurückgewichen. Anfang Mai warnten die drei Iran, dass die Arbeit an der Urananreicherung "den Verhandlungsprozess an ein Ende brächte … [und dass] die Konsequenzen für Iran nur negativ sein könnten". Iran machte auf der Stelle eine Kehrtwende; die Regierung zog den Brief zurück, in dem sie die Internationale Atombehörde von ihrer Absicht unterrichtete, ihre Anlage zur Uranumwandlung in Isfahan wieder in Betrieb zu nehmen.

Wenn Iran zustimmt, das aktuelle Moratorium in einer angemessen überprüfbaren Weise auf fünf Jahre auszudehnen, und wir den Status quo an allen anderen Fronten aufrechterhalten können, stehen wir nicht schlechter da als früher bei anderen Problemen. Und wir werden weit besser dran sein, als wenn Iran ein Staat mit Nuklearbewaffnung würde. Innerhalb von fünf Jahren haben die Staatsmänner Gelegenheit, das Regime der Nichtverbreitung von Atomwaffen zu reparieren, das andernfalls irreversibel zerstört werden könnte.

Der Autor ist Professor für Regierungslehre in Harvard. Aus dem Englischen von Matthias Oppermann