Ich habe über die Frage "Darf eine Frau Kanzler werden?" nachgedacht und bin dabei zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis gelangt. An bestimmte Frauen, mit denen ich vor Jahren einmal Sex hatte, besitze ich nur noch schemenhafte Erinnerungen. Gut, das waren halt die wilden siebziger Jahre und das Dope. Über den Charakter dieser Personen sowie ihr Verhalten in Extremsituationen könnte ich heute nichts Verbindliches mehr mitteilen. Dagegen bin ich in der Lage, über jeden einzelnen Chef beziehungsweise Chefin, die ich im Laufe meines Lebens hatte, eine ausführliche und, wie ich behaupte, relativ präzise Charakterstudie zu verfassen. Hierarchien sind intimer als Sexualität! Und zwar von beiden Seiten aus. Wenn man selber Chef ist, kriegt man auch ganz schnell mit, wer eine Ratte ist. In Beziehungen braucht man oft Jahre dazu. Das meine ich jetzt bitte nicht rattenfeindlich, es ist nur so eine Redensart.

Interessant ist auch die Tatsache, dass relativ häufig Wahnsinnige in Führungspositionen gelangen. Von etwa 50 Chefs, die ich bisher hatte, würde ich 20 Prozent als extrem gestört bezeichnen, noch höher ist die Quote der extrem Gestörten meines Erachtens nur bei den Busfahrern der Berliner Verkehrsbetriebe. Wer sagt: "In Deutschland gibt es zu wenige Führungspersönlichkeiten", sollte sich mal unter den Berliner Busfahrern umschauen. Zu den Widersprüchen der Chefexistenz gehört es, dass man immer denkt: Oben hat man mehr Freiheiten. Das Gegenteil ist der Fall. Jeder Chef hat immerzu einen Oberchef, sogar der Papst. Zahlenmäßig aber ist das Verhältnis zwischen Oberchefs und Unterchefs immer ungünstiger als das Verhältnis zwischen Unterchefs und Fußvolk, das heißt, man steht viel stärker unter Beobachtung. Wer kreative Selbstverwirklichung sucht, muss sich in einer Hierarchie im unteren Mittelfeld aufhalten, ganz unten ist es dann wieder zu schattig.

Als ich mal Chef war, bat mich mein Oberchef zu sich ins Büro. Er sagte: "Ihre Abteilung ist vom Personal her nicht gut. Bestimmen Sie drei Leute, die wir feuern sollen. Wir stellen stattdessen drei Talentgranaten ein."

Das hat mich in eine Mentalkrise gestürzt. Zuerst habe ich den Oberchef gehasst, das brutale Schwein. Dann dachte ich, na ja, die Leute sind zum Teil wirklich nicht gut, die Firma als Ganzes muss im Vordergrund stehen, if you can’t stand the heat und so weiter. In der Abteilung aber war es so, dass die Leute, die mir sympathisch waren und keinen Ärger machten, von der Qualität her eher nicht so gut waren, während ausgerechnet die renitenten Quertreiber und notorischen Stinkstiefel verdammt noch mal die beste Arbeit ablieferten. Im Chefcasino klopften die anderen Chefs mir auf die Schulter und sagten: "Yeah, Buddy, so ist es meistens." Ich dachte: Ich möchte geliebt werden, ein guter Mensch sein, ich will das nicht tun. Dann wurde mir klar, dass der Oberchef ebenfalls geliebt werden wollte, deswegen sollte nämlich ich die Schweineentscheidung treffen, und er würde hinterher huldvoll die großzügige Abfindung überreichen und alles auf den sadistischen Unterchef schieben. Wissen Sie, wer am Ende gehen musste? Ich! Meiner Ansicht nach darf Kanzler werden, wer will.