Polens Bauern hatten Angst. Die Normen aus Brüssel würden sie strangulieren, die Konkurrenzprodukte aus Westeuropa sie ruinieren, fürchteten sie vor dem Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union (EU) am 1. Mai 2004. Diese Sorge machte die Bauern zu erbitterten EU-Gegnern. Und sie schien das Bild zu bestätigen, das viele Menschen im Westen von der Landwirtschaft im Osten haben: die Vorstellung vom rückständigen Kleinbauern mit seinen zwei Kühen, der morgens mit den Milchkannen auf seinem Panjewagen zur Sammelstelle zockelt.

Noch heute gibt es in Polen rund 1,5 Millionen Kleinstbetriebe. Teilweise verbrauchen deren Inhaber selbst, was sie - oft zusätzlich zu einem Job in der Industrie - produzieren. Doch die polnische Landwirtschaft insgesamt prägen diese Höfe nicht. Die größeren Betriebe im östlichen Nachbarland Deutschlands holen den technischen Abstand zu ihren westlichen Wettbewerbern rasch auf. Der Beitritt zur EU erweist sich für sie als Erfolgsgeschichte, die Angst als unbegründet. Im Beitrittsjahr 2004 exportierte Polen Lebensmittel im Wert von rund drei Milliarden Euro in die 15 Länder der alten EU, 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Wichtigste Abnehmer waren Deutschland und die Niederlande.

Besonders drastisch zeigt sich der Wandel bei den 350 000 Molkereien des Landes. Mit 1,8 Millionen Tonnen ist Polen heute der viertgrößte Milchproduzent der EU und darüber hinaus der sechstgrößte Käseproduzent weltweit. Die Ausfuhr von Sahne hat sich seit dem EU-Beitritt verdreifacht, auch polnische Butter findet immer mehr Käufer. In vielen Supermarktketten des Westens finden sich heute polnische Milchprodukte. Insgesamt exportierte die Milchwirtschaft im vergangenen Jahr Waren für 570 Millionen Euro - ein neuer Rekord. Und der Trend zeigt weiter nach oben.

Noch 1999 erfüllten nur sechs Prozent der polnischen Milch die EU-Normen - nun sind es gut zwei Drittel. Polens Molkereien, wie etwa der Großbetrieb Spomlek in Radzy° Podlaski, zählen zu den modernsten in Europa - ihre Milchproduktion gilt bei Bauern in der EU und in den USA als vorbildlich. Auf den Höfen, deren Milch Spomlek aufkauft, werden die Herden und die Futterzuteilung per Computer mit einer speziellen Software gelenkt und überwacht. Der EU-Beitritt hat den Transport erleichtert und ließ die Logistikkosten deutlich sinken. Die Branche, die jetzt mehr als ein Drittel ihrer Produktion in die anderen EU-Länder, in die Vereinigten Staaten und nach Japan ausführt, kann mit der Nachfrage kaum Schritt halten.

Erfolge auch in der Fleischproduktion. Die Zeit der Aufzucht und Mast polnischer Schweine wurde durch moderne Technologien verkürzt. Die Ausfuhr von Schweinefleisch, das in der Regel fetter und nach Meinung von Polen daher aromatischer und saftiger ist, hat sich seit 2003 ebenso verdoppelt wie der Export anderer Fleischsorten. Der größte Fleischkonzern, Grupa KapitaIowa Duda, konnte seine Einnahmen 2004 um 74 Prozent steigern. Bei den vielen kleinen Schlachtereien hatten Experten hingegen erwartet, dass sie der Integration in den europäischen Markt nicht gewachsen sein würden. Doch auch bei ihnen gibt es positive Signale: Die Zahl der Exportbetriebe wuchs von rund 40 auf 158.

Die Molkereien, Fleischproduzenten, Obst- und Gemüsebauern Polens haben ihre Betriebe aufgerüstet und den EU-Standards für Qualität und Hygiene angepasst.

Mit etwa 500 Millionen Euro, vor allem aus dem Sonderprogramm Sapard, unterstützt die EU derzeit diese Entwicklung. In diesem Jahr sollen sich die Fördermittel noch einmal verdoppeln, vorausgesetzt die Polen investieren eigene Mittel in gleicher Höhe. Die polnische Lebensmittelproduktion konnte dank der Hilfe aus Brüssel in die neuesten Technologien investieren, sagt Krzysztof Pawi°ski, Chef von Maspex Wadowice, dem größten Saft- und Getränkehersteller in Polen, Tschechien und der Slowakei. Die Ausrüstungen der westlichen Konkurrenten hingegen wurden in der Regel vor 10 oder 15 Jahren gekauft.