Manchmal könnte ich das Gärtnern aufgeben. Bevorzugt dann, wenn ich steif, verdreckt und verbittert aus der Hecke krieche, Zweige im Genick und Obelix’ legendären Ausspruch im Sinn: Die spinnen, die Römer! Die nämlich sind an allem schuld. Ihre Legionen, so heißt es, hätten das Teufelszeug einst als Gemüse über die Alpen gebracht, und mit dem Nachgeschmack dieser antiken Salatküche werden Gärtner bis in alle Ewigkeit zu kämpfen haben. Aegopodium podagraria, unheilvoll bekannt als Giersch oder Geißfuß, sind seither Eroberungen gelungen, von denen das römische Imperium nur träumen konnte: Ganz Germanien ist vom Giersch besetzt, und wer ansonsten gelassene Gartenfreunde mal so richtig die Contenance verlieren sehen und endlosen Frontberichten lauschen möchte, der braucht nur beiläufig seinen Namen zu erwähnen.

Ich habe ihn natürlich auch, oder, ehrlicher: Er hat mich. Er war lange vor mir da, und er wird mich überdauern. Unausrottbar ist er in den Wurzeln aller alten Sträucher rund ums Grundstück verankert, und von diesen Widerstandsnestern aus versucht er ständig, das verlorene Terrain zurückzuerobern. Militärisches Vokabular ist bei diesem militanten Gewächs übrigens durchaus angemessen: Giersch ist der klassische Aggressor, gnadenlos durchsetzungsfähig und immer auf dem Sprung, die ewige Bedrohung aller Kultur durch das übermächtige Ungezähmte.

Das dominante Doldengewächs gedeiht nahezu überall und vermehrt sich vor allem mit langen, blitzschnell in alle Richtungen treibenden unterirdischen Wurzeln, aus denen noch schneller neue Pflanzen sprießen. Um diese Wurzeln zu extrahieren, bedarf es der Fingerfertigkeit eines Chirurgen, gepaart mit der Geduld eines Heiligen. Der atavistische Zorn, der sich unfehlbar einstellt, wenn man ihn auch im zehnten Jahr von derselben Stelle entfernen muss, ist dabei wenig hilfreich: Ein einziger entnervter Ruck, und der spröde weiße Wurzelstrang zerbricht in kleine Stücke, von denen jedes umgehend eine neue Gierschpflanze gebiert. Ein einziges übersehenes Stückchen, und alles geht von vorne los. Eine Schwäche immerhin hat er, zumindest bei mir: Er ist faul. Die lockere Kompostschicht über dem schweren Lehm verleitet ihn unfehlbar dazu, mit dem Wurzelgeflecht dicht an der Oberfläche zu bleiben, und besonders aus feuchtem Boden lässt er sich dann leicht ausheben. Dass ich dabei schnell wie ein suhlendes Wildschwein aussehe, wiegt angesichts archaisch aufflackernder Jagdinstinkte wenig. Triumphe dieser Art gehören zu den Höhepunkten im Gärtnerdasein und sollten unbedingt entsprechend ausgekostet werden: Sie sind selten genug. Der grüne Eroberer hat alle Vorteile in einem Maße auf seiner Seite, dass es einfach nur unfair ist: Seine Vitalität übertrifft die so ziemlich aller Kulturpflanzen und der meisten Gärtner, krank wird er nie, und Fressfeinde, von einigen tapferen Hühnern abgesehen, verschmähen ihn. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Meine sämtlichen Versuche, der Plage, wie oft angeraten, ganz easy durch Verspeisen Herr zu werden, scheiterten kläglich. Ich vermag einem Gewächs, das in jeder Zubereitungsform unangenehm an welkes Möhrenkaut erinnert und roh einen widerlich kratzigen Nachgeschmack hat, kulinarisch absolut nichts abzugewinnen.

So gelangten wir, zwangsläufig, zu einem fragilen Waffenstillstand: Der Giersch hatte sein Revier unter den Hecken, ich meins davor, und die Demarkationslinie zu den Beeten verteidigte ich grimmig. Das ging so lange gut, bis ich diesen Winter die alten Sträucher stark zurückschneiden musste. So bekam der unerwünschte Untermieter plötzlich reichlich Licht. Gleichzeitig gaben meine Nachbarn die Auseinandersetzung auf, rupften ihrem Giersch nur noch die Blätter ab und ließen ihn unterirdisch gegen die gesamte Grenze marschieren. Wie die spontanste aller Spontanvegetationen diese Chance nutzt, muss ich wohl keinem Gärtner näher erläutern. Bei so viel Durchsetzungswillen klingen Tipps aus esoterisch angehauchten Gartenratgebern, das endlose Buddeln doch gleich zur entspannenden Meditationsübung zu adeln und so, ganz nebenbei, auch noch höherer Weisheit teilhaftig zu werden, wie blanker Hohn. Eine Weisheit allerdings kann diese Pflanze in der Tat sehr einprägsam vermitteln: die von der Eitelkeit allen menschlichen Strebens.

Wer je, fest eingeklemmt zwischen Zaun und Gehölz, ganz verkrampft im Hier und Jetzt und bis dicht an die Sollbruchstellen aller Bandscheiben verdreht, tagelang zerbröckelnde Gierschwurzeln aus den Wurzeln fünfzigjähriger Sträucher gefummelt hat, wird verstehen, dass meine Gedanken ansonsten zusehends und zwanghaft um rabiatere Lösungen kreisen, von Kalkstickstoff bis Kernspaltung. Ich habe sogar, in einem Moment tiefster Verzweiflung, erwogen, mich von meiner geliebten Strauchhecke zu trennen, nur um der Giersch-Invasion einmal Herr zu werden. Nur ein einziges Mal! Doch ich weiß, es wäre vergeblich. Zu gut erinnere ich mich der alten Dame, die in einem ähnlichen Verzweiflungsanfall schließlich einen Profi mit dem Entgierschen des Familienbesitzes betraute. Wer ging, waren die uralten Rhododendren. Aegopodium podagraria blieb.