Am Ende gab der bolivianische Kongress dem Druck der Straße nach: Die Volksvertreter nahmen das Rücktrittsgesuch des amtierenden Präsidenten Carlos Mesa an und erklärten den bisherigen Präsidenten des Obersten Gerichts, Eduardo Rodríguez, zum neuen Staatsoberhaupt. Dieser wird nun bis Ende des Jahres vorgezogene Neuwahlen ausrichten. Der 49jährige Anwalt Rodriguez, der bei seiner ersten Ansprache in den frühen Morgenstunden einen erfrischend bescheidenen und unpolitischen Ton anschlug, zeigte sich überzeugt, dass eine "grundlegende Erneuerung" in dem tief gespaltenen Land möglich sei. Bolivien war in den letzten Wochen von Tag zu Tag mehr in Chaos, Gewalt und politischer Lähmung versunken. Nun ist ein Neuanfang in Sicht.Der angesehene Journalist und Historiker Mesa war erst im Oktober 2003 vom Vizepräsidenten zum Staatsoberhaupt aufgerückt, sein Vorgänger Sanchez de Lozada hatte nach blutigen Straßenschlachten mit vielen Toten zurücktreten müssen. Doch auch Mesa konnte den Zorn der zahlreichen zivilen Oppositionsgruppen nicht besänftigen und sah sich in den letzten Wochen wieder mit Massenprotesten und eskalierender Gewalt konfrontiert.Die von Gewerkschaftsführern und selbsternannten politischen Führern geleiteten radikalen Protestgruppen stammen zum großen Teil aus der großen Masse der Armen: Rund sechzig Prozent der Bolivianer leben unter der Armutsgrenze, die meisten von ihnen sind Indios. Obwohl sie die Mehrheit der Bevölkerung bilden, wurden sie seit den Kolonialzeiten von der Teilhabe an der politischen Macht und am Rohstoffreichtum des Landes weitgehend ausgeschlossen. Heute wie schon vor zwei Jahren beim Rücktritt von Sanchez de Lozada fordern sie die Verstaatlichung des Gas- und Ölgeschäfts sowie eine verfassungsgebende Versammlung, die unter anderem eine stärkere Beteiligung ziviler Organisationen und der benachteiligten Indio-Mehrheit bringen soll. Und sie kämpfen gegen ein geplantes Referendum über eine weitgehende regionale Autonomie, das die rohstoffreichen Departments Santa Cruz und Tarija abhalten wollen.Mesa hatte sein Möglichstes versucht, einen Kompromiss zwischen den Anliegen des weißen Bürgertums und der Indio-Unterschicht, zwischen den radikalen Forderungen der armen Hochlandregionen und den Autonomiebestrebungen des reichen Tieflands zu finden. Er entwarf ein neues Kohlenwasserstoffgesetz, welches die Abgaben für die in Bolivien tätigen internationalen Energieunternehmen stark erhöhte. Und er hatte bereits für Oktober Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung ausgerufen. Doch diese Maßnahmen waren den Oppositionsgruppen der Straße nicht radikal und schnell genug. Mesas Rückhalt war in den letzten Monaten rasant geschrumpft.Da Mesa die sich erneut radikalisierenden Proteste nicht wie sein Vorgänger mit Gewalt niederschlagen wollte, hatte er Anfang der Woche schon zum zweiten Mal in nur drei Monaten seinen Rücktritt eingereicht. Einen erneuten Todesfall konnte er dennoch nicht verhindern: Am Donnerstag wurde ein Minenarbeiter unweit der Stadt Sucre erschossen, vermutlich von Militärs, welche den Tagungsort des Kongresses gegen die anrückenden Demonstranten abzusichern suchten. Die Parlamentarier waren aufgrund der gewalttätigen Proteste im Regierungssitz La Paz in die formelle bolivianische Hauptstadt Sucre ausgewichen. Doch im Laufe des Mittwoch und Donnerstag waren aufgebrachte Massen aus der Umgebung von Sucre zusammengeströmt um einen neuen Belagerungsring zu bilden.Sie wollten verhindern, dass der Kongress der verfassungsgemäßen Sukzessionslinie folgt und den Senatspräsidenten Hormando Vaca Díez an die Staatsspitze aufrücken lässt, der als Vertreter der "alten" Politik gilt. "Wir können nicht zulassen, dass ein Repräsentant der politischen Mafia in den Präsidentenpalast zurückkehrt, nur um den Staat und das Volk zu berauben", erklärte Evo Morales, Gewerkschaftsführer der Kokabauern und Vorsitzender der zweitstärksten Partei im Parlament, des "Movimiento al Socialismo" (MAS).Nur indem Vaca Díez sowie auch der Präsident des Parlaments freiwillig auf das Staatspräsidentenamt verzichteten, konnte nun der letzte in der verfassungsmäßig vorgesehenen Rangfolge antreten, der Präsident des Obersten Gerichts, der mit seiner Amtseinführung automatisch zur Ausrichtung von vorgezogenen Neuwahlen verpflichtet ist. Nicht nur Evo Morales und die übrigen Anführer der Protestgruppen, sondern auch die Streitkräfte und die katholische Kirche hatten sich für diese Lösung ausgesprochen: Die Mehrheit der sozialen und politischen Akteure sei sich darüber einig, dass vorgezogene Neuwahlen ausgerufen werden müssten, um "ein neues politisches und demokratisches Gleichgewicht zu finden, das den Willen der Bürger ausdrückt und die Regierbarkeit des Landes ermöglicht", erklärte Kardenal Julio Terrazas, dessen Institution am Wochenende Gespräche mit den verschiedenen politischen, zivilen und sozialen Gruppen geführt hatte.Für die nun anstehenden Neuwahlen gilt derzeit Evo Morales als Favorit. Der Abkömmling von Quechua Indianern war in den achtziger Jahren vor einer Hungersnot im Hochland in die Kokaanbauregion Chapare im Tiefland geflohen, wo er die Partei MAS gründete und sich 1997 als Abgeordneter in den Nationalkongress wählen ließ. Morales bezeichnet sich zwar selbst als Sozialist, gilt aber mittlerweile als der gemäßigste unter den neuen, radikalen politischen Akteuren, die für sich beanspruchen, Sprecher der benachteiligten Unterschicht und Indio-Gemeinschaft zu sein. Seine ursprünglichen Vorstellungen von einer völligen Verstaatlichung der Wirtschaft und Enteignung insbesondere der ausländischen Energieunternehmen revidierte er mittlerweile.Wer auch immer die Wahlen gewinnt, wird es nicht viel leichter haben als Carlos Mesa. Eines der schwierigsten Themen ist die Energiewirtschaft. Bolivien sitzt auf großen Gasvorräten, die in den neunziger Jahren von internationalen Investoren wie der spanischen Repsol YPF und der brasilianischen Petrobras entdeckt wurden. Boliviens staatlicher Energiekonzern YPFB hat weder die Mittel noch die Technologie, um die Schätze selbst zu fördern. Schon jetzt verbaute sich Bolivien durch die politischen Wirren Milliardeninvestitionen, unter anderem für ein Großprojekt zur Gaslieferung nach Mexiko und Kalifornien, von dem der Staat in Form von Abgaben und Steuern hätte profitieren können. Diesen Auftrag konnte sich mittlerweile Peru sichern. Auch die Nachbarländer Brasilien und Argentinien würden gern mehr Gas aus Bolivien importieren. Mit einer Enteignung der ausländischen Unternehmen, wie sie die Mehrheit der radikalen Bürgerbewegungen fordern, würden neue Investitionen in die Gaswirtschaft und damit die Ausbeutung des Reichtums zugunsten der bolivianischen Bevölkerung in die Ferne rücken.Doch vielleicht hat ein Vertreter der Indio-Gemeinschaft wie Evo Morales mehr politische Glaubwürdigkeit bei den radikalisierten Armen und findet einen Ausweg für das Land, falls er zum Oberhaupt aller Bolivianer gewählt werden sollte.Die jüngsten Entscheidung des Kongresses verschafften dem geplagten Land zumindest erst einmal eine Atempause: Die Massendemonstrationen in La Paz und Sucre begannen sich aufzulösen, als der Name des neuen Präsidenten bekannt wurde.