In diesem Jahr sind bunte Federkostüme angesagt, sexy drapiert über nackter Haut. Daneben tanzen Matrosen, rosafarbene Engel, ein römischer Gladiator, Männer in strammsitzenden Uniformen und Damen mit sagenhaft kurzen Röcken, sehr hohen Schuhen und phantasievollen Frisuren. Es ist Christopher Street Day in Hamburg und Schwule, Lesben, Bisexuelle wollen wild und ausgelassen in der Hansestadt feiern. Das Wetter ist wie in all den Jahren zuvor bescheiden, aber davon lassen sich nur die Wenigsten abschrecken. Die Kostüme sind wie immer kurz, sexy und sehr humorvoll. Lack und Leder scheint out zu sein. Aber der CSD soll nicht nur Party, sondern auch politisches Manifest sein, ein Eintreten für Gleichberechtigung und Akzeptanz. Eine Dame in rauschendem Ballkleid sagt: „Wir wollen zeigen, dass es uns gibt.“

Ein Tross von rhythmisch-dröhnenden Wagen bahnt sich einen Weg durch die Hamburger Innenstadt. Los geht’s von der Glacischaussee, vorbei an der Musikhalle und am Rathaus, über die Mönckebergstraße bis zur Lange Reihe, wo der Zug in einem rauschenden Straßenfest enden soll. Mittelpunkt der Parade ist der bunte Paradiesvogel, Olivia Jones, die ausgelassen winkend ihren Mini-Trecker durch die Menge steuert und das Bad in der Menge sichtlich genießt. Doch Hamburgs bekanntester Diva geht es nicht nur ums ausgelassene Feiern, sondern auch um die politische Botschaft des CSD.

Mit tiefer, samtiger Stimme erklärt sie das „Just married“ Schild an ihrem Gefährt: „Ich demonstriere dafür, dass die schwul-lesbisch eingetragenen Partnerschaften mit der Ehe gleichgesetzt werden. Wir leben in einer Demokratie und müssen immer noch dafür auf die Straße gehen, dass wir die gleichen Rechte zugestanden bekommen. Das ist sehr schade. Aber wir müssen eben kämpfen. Ich selber möchte gar nicht heiraten, aber ich möchte wenigstens das Recht dazu haben.“

Auf die Frage, ob sich die Situation für Schwulen und Lesben merklich verändert hat, insbesondere weil sich erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik zahlreiche Politiker zu ihrer Homosexualität bekannt haben, antwortet die Diva nachdenklich: „Es wird zwar tatsächlich immer normaler, schwul oder lesbisch zu sein, aber leider noch nicht normal genug. Es ist immer noch ein riesiger Skandal, wenn sich schwule Politiker outen. Das sollte doch irgendwann einmal selbstverständlich sein. Es ist doch auch kein Skandal, wenn jemand sagt: „Ich bin heterosexuell.“ Doch Olivia Jones ist zuversichtlich und verweist auf den CSD: „Die Stimmung ist super, die Parade wird von Jahr zu Jahr besser. Man merkt auch, dass immer mehr Heteros teilnehmen, ein buntes Miteinander, das ist eine tolle Geschichte und das, wofür wir kämpfen.“

Das Motto des diesjährigen CSD „Get in Touch“ richtet sich an Heteros, an der Parade teilzunehmen. Gemeinsam soll die Vielfalt von Lebensformen gefeiert werden. Tatsächlich kommen seit Jahren immer mehr Heteros, die sich von der exotischen und ausgelassenen Atmsphäre anzogen fühlen. Eine Frau am Rand sagt: „Ich bin mit Freunden hier. Wir haben uns bewusst verabredet, weil wir das unbedingt mal miterleben wollten. Die Stimmung ein bisschen wie auf der Love Parade und wo gibt’s das schon, dass am Tag gefeiert wird“. Auch eine andere Passantin ist begeistert: „Ich bin spontan da geblieben. Ich finde den Umzug klasse. Schwul sein sollte endlich normal und akzeptiert sein.“

Einige hoffen, dass die Stimmung sich noch ein bisschen steigt. „Es sind, glaube ich, weniger Leute da als sonst“. Ein junges Pärchen findet die Atmosphäre noch ein bisschen „unterkühlt“. Ein Herr mit raspelkurzen Haaren sowie Minirock und Pumps sagt: „Bisschen wenig Wagen, bisschen wenig Stimmung. Das Politische geht schon sehr unter. Ich hätte mir ruhig ein paar mehr Politiker hier gewünscht.“

Viele verbinden ausgelassenes Feiern und „politische Demonstration“ auf dem CSD. Ein Herr im Phantasiekostüm findet, dass Party und Politik sich nicht ausschließen: „Der CSD ist wichtig. Die Entwicklung ist nicht gerade positiv, das merkt man ja daran, dass wir einen Papst haben, der sich gegen etwas sehr Natürliches aussprechen darf und wir bekommen bald eine homophobe Regierung, das Ende der Fahnenstange ist also noch nicht erreicht. Da muss gegengehalten werden.“ Eine Frau mit schwarzer Hornbrille gibt sich kämpferisch: „Der CSD ist jedes Jahr super. Aber in Deutschland muss noch viel getan werden für die Gleichberechtigung, wir sind ein fortschrittliches Land, nur in diesem Punkt noch sehr rückschrittlich.“ Ein Pärchen in rosa Engelskostümen betrachtet das Ganze dagegen durch die rosa Brille: „Das Wetter wird jedes Jahr schlechter, die Leute aber immer lustiger, das ist doch toll.“