Die Frage zu stellen, ob Bob Geldof den Boden unter den Füßen verliert, fällt auch deshalb schwer, weil er es gewiss gut meint. Er will Hunger und Armut in Afrika bekämpfen, er macht den Regierungen der reichen Nationen Beine - und er versteht eigentlich recht viel von der vertrackten Thematik der Entwicklungshilfe, wie nachdenkliche Interviews und sein jüngstes Buch über Afrika zeigen.

Geldof ist kein naiver Gutmensch, der ständig von kolonialer Schuld faselt. Er weiß, dass eine wesentliche Ursache des afrikanischen Dauerdesasters die furchtbaren Regime sind, die ihre Völker wie Vampire aussaugen und viele Milliarden an Entwicklungshilfe auf ihre Privatkonten leiteten.

Doch leider lassen sich Anzeichen von Hybris bei Geldof nicht übersehen. In der Times schrieb er, dank Live 8 beginne sich die Achse der Welt langsam zu verschieben. Gemeint war der Schuldenerlass, auf den sich die G-8-Staaten nicht zuletzt auf Drängen des Vorsitzenden Tony Blair und seines Finanzministers Gordon Brown verständigt haben.

Was Geldof nicht reicht: Er will viel mehr. Bewirken will er das, in dem er Jugendliche aufruft, eine Woche lang auf die Schule zu pfeifen und nach Edinburgh zu marschieren. Den Stadtvätern dort graust vor den Folgen der Invasion in einer Stadt von 450.000 Einwohnern, die von Millionen Demonstranten überflutet zu werden droht. Sein Plan, Protestler von Frankreich aus durch eine riesige "Dünkirchen-Flotte" über den Kanal zu schiffen, grenzt an Idiotie. Bei dem Meeresarm handelt es sich um eine der verkehrsreichsten Tankerrouten der Welt.

Bob Geldof wird zweifellos von edlen Motiven getrieben. Doch hat er, einmal im Schwung, nicht der Versuchung eines Egotrips widerstehen können. Seine öffentliche Rhetorik suggeriert mittlerweile, dass Afrikas Geschick dem bösen, gierigen Westen anzulasten ist. Womit er den Balaklava-Rabauken der Antiglobalisiererungsbewegung nur eine Rechtfertigung liefert.

Am Ende dürfte Live 8 bei hunderttausenden junger Idealisten, die Geldofs Ruf folgten, nur Zorn und Frustration auslösen: Die Entscheidung der Politiker wird ihnen mit Sicherheit niemals hinreichend erscheinen. Das Konzept des Freihandels, das nicht zuletzt von der Europäischen Union den Abbau von Schutzzöllen und Agrarsubventionen verlangte, klingt ohnehin nicht griffig genug für Demonstranten, die "Armut zur Geschichte" machen wollen.

Doch das verlangt nun mal mehr, als Paul McCartney, U2 und Coldplay die weltweite Plattform eines Gigs im Londoner Hyde Park zu bieten oder die zerstrittenen Stars von Pink Floyd nach 24 Jahren auszusöhnen. So sehr man Geldof dafür loben möchte. Mit seinen populistischen Aktionen hat Saint Bob seine Initiative völlig unnötig entwertet.