Der Mann auf der Bühne ergreift das Mikro. Er singt ein Gospelfragment, nur wenige Sekunden lang. Mit seiner freien Hand werkelt er an einer Esstisch-großen Elektronik herum: Die Gospeleinlage wird gesampelt, als Endlosschleife im Hintergrund wiederholt, während eine neue Gesangslinie dem Song eine weitere Schicht hinzufügt. So türmen sich die Soundebenen, bis ein ganzer Chor auf der Bühne zu stehen scheint. Schnell singt der Künstler einen Beat-Rhythmus ein, der den Gospelchor unterlegt und antreibt. Die Spannung reißt auf, die Halle tanzt. Taktweise wächst der Song. Diese Form des Musizierens ist keine Neuerfindung, aber sie ist sein Markenzeichen: Jamie Lidells Live-Auftritte sind legendär – und das obwohl seine Karriere gerade erst langsam aus dem Schatten des Untergrunds in den Mainstream tritt.

Jamie Lidell, ein großgewachsener Brite aus Cambridge, lebt seit fünf Jahren in Berlin. Mit seinem Album Multiply wird den Plattenläden an diesem Montag ein Meisterwerk ausgeliefert. Die Vorschusslorbeeren wurden nur so über ihm ausgeschüttet, auch aus den eher skeptischen Kritikerkreisen Großbritanniens. Als „Reinkarnation von Little Richard“ wird er beschrieben mit einer „in Honig gebratenen Soulstimme à la Sly Stone oder Prince, samt einem Talent fürs Beatboxing, das Muhammad Ali in seiner Unvergänglichkeit erzittern ließe.“ Sein Label, der Elektronikvorreiter Warp , nahm die Lobeshymnen überrascht und gerne hin.

Dabei ist Lidell mit Multiply ein Album gelungen, das seinen Vorläufer-Projekten stilistisch diametral entgegensteht. Sein Erstlingswerk Muddling Gear ist ein aggressives, fast unhörbares Elektrogefrickel. Es folgten Arbeiten mit dem Avantgarde-Elektroniker Matthew Herbert und dem Klangkünstler Christian Vogel, mit dem er zwei Alben unter dem Namen Super Collider veröffentlichte - abstrakte, experimentelle Elektromusik. Doch seine wachsende Beliebtheit hat Lidell bislang einer anderen Qualität als der des Songwriters zu verdanken: Es sind seine impulsiven und explosiven Live-Auftritte, denen er seinen weltweit guten Ruf zu verdanken hat. Sein neues Album jedoch ist ruhig und gelassen, ein modernes Soul-Album.

Bei den Balladen auf Multiply denkt man unweigerlich an Otis Redding, an Stevie Wonder und Al Green. Stilistisch stehen diese Lieder ihren Vorbildern kaum nach. Ein Unterschied in der Produktionsweise ist nur zu erfassen, wenn man genau in den Hintergrund hineinhört: Ein unüblicher Break, der dezente Anschlag eines knatternden Echoschlagzeuges, verhallte Hintergrundgesänge. Seine vielschichtigen Gesangscollagen, die Lidells Live-Auftritte so spektakulär machen, sind nur im Ansatz auf dem Album zu hören. Multiply ist geradlinig, aber von bestechender Tiefe.

Erst im zweiten Drittel des Albums veranstaltet Jamie Lidell ein Soundchaos im wildesten Funkgewand, das an die düsteren Funkwelten von Barry Adamson oder die Grooves der Beastie Boyz erinnert, die Anfang der Neunziger den Funk jugendtauglich wiederverwerteten. Doch kurz vor dem Schluss des Albums schwenkt Jamie Lidell zurück auf die gemütliche Al-Green-Soulstrecke: Einfache, herzliche Lieder, die der Künstler mit einer heutzutage fast vergessen geglaubten Inbrunst vorträgt. Man möchte sich das Martiniglas schnappen und am Strand das Hawaiihemd von einer leichten Meeresbrise durchwehen lassen, wenn Lidell singt: " Life may sometimes be sad, but it’s always beautiful " - das Leben mag manchmal traurig sein, aber schön ist es immer.