Bei seinem Auftritt in der Berliner "Maria am Ostbahnhof" vergangenen Samstag stellte der Brite sein neues Album vor – in gewohnter ungebremster Livemanie. Abgesehen von den Soulballaden wird ein härterer und sehr viel innovativerer Sound gepflegt als auf dem Album. Man fragt sich: Ist es schon Techno oder ist es noch Funk? Es ist ein Raum zwischen diesen Welten, den Lidell wie kein anderer auf der Bühne öffnet. Er hat diese beiden sehr unterschiedlichen Musikstile genau begriffen, ansonsten würde ihre Vermischung gnadenlos scheitern. Diese Begabung, in vielen Genres zu Hause zu sein, teilt er mit Stilvirtuosen wie Beck oder Ween.

Am besten jedoch lässt sich Lidells Genre als Entertainment bezeichnen. Er ist der Prototyp eines Multitalents: Auf der Bühne ist er Sänger, DJ und Produzent in einem. Seine Gesangspassagen sind prall mit Soul gefüllt, den Rhythmus gibt er durch technoid klingende Beats vor. Angereichert wird die Soundmelange durch Effekte und Gastmusiker wie den Bassisten Mocky oder den Keyboarder Snax. Doch über allem thront Jamie Lidell, der Entertainer. Er versteht es, die Massen mitzureißen mit seiner außergewöhnlichen Hingabe - egal, ob er im Bademantel auf der Bühne eine an Joe Cocker erinnernde Balladenperformance abliefert oder hinter seinem Pult voller Elektronik knarzende Beats ins Mikro pustet. Schon in der Mitte des ersten Songs laufen ihm die Schweißperlen eines Hyperaktiven übers Gesicht.

In den ersten Reihen stehen fast nur Frauen - eine Besonderheit für elektronische Acts. Sein Label Warp habe ihm gesagt, er sei ihr einziger Künstler, zu dem zahlreich Frauen erschienen. "Was natürlich sehr schön ist!" fügt er lächelnd nach dem Konzert hinzu. "Normalerweise kommt eher ein Haufen Jungs an, die wissen wollen, was für einen Sampler man benutzt." Das Soulalbum wird die Frauenquote wohl weiter verbessern. Es ist wenig kopflastig, sondern sehr gefühlsbetont. " Multiply macht meine Schwester und meine Mutter glücklich!" erzählt Lidell am nächsten Tag bei einem Kaffee. "Ich habe mich sehr einsam gefühlt mit älteren Stücken, die niemand verstanden hat. Waren die nur für mich? Also habe ich ausprobiert, wie es ist, zu kommunizieren." Mit einem Lächeln fügt er hinzu: "Das war ein guter Zug!"

Dass der Album-Lidell so anders klingt als der Bühnen-Lidell hat mit seinem klassischen Verständnis davon, was ein Album ist, zu tun. "Ich will, dass die Leute immer wieder danach greifen!" sagt er. "Mein Live-Sound ist zu anstrengend, wenn man ihn zu Hause hört." Deswegen habe er ein Album gemacht, das wie für den Morgen geschaffen sei. Aber der Soul auf Multiply ist für ihn kein Weg, den er auf Dauer einschlagen will. "Ich bin kein Zirkus-Pony, dass nur einen Trick draufhat. So ein Album werde ich nie wieder machen." Mit leuchtenden Augen ergänzt er: "Und ich habe noch eine Menge Musik in mir! Ich weiß nur noch nicht, wie sie klingen wird."

Diese Vielfalt wird von vielen nicht verstanden. "Leute fragen mich: 'Wie ist der richtige Jamie? Was ist mit der Integrität eines Künstlers?'" Er rollt mit den Augen. "Wenn man aber die momentane musikalische Realität nimmt - zumindest meine - kommt man auf einer i-Tunes-Liste im Zufallsmodus von Otis Redding auf Aphex Twin." So ähnlich klingt seine Live-Performance, wie die geglückte Kombination aus beiden.

Zur Ruhe kommt er nicht, schon am Tag vor dem Verkauf seines Albums denkt er über das nächste nach. Auch über seine Liveshows sagt er: "Ich improvisiere, aber ich denke immer an das, was ich als nächstes mache. Ich habe immer einen Vorsprung vor mir selbst - und das ist ein eigenartiger Zustand!" Während seiner Shows, die weltweit bis in den Oktober geplant sind, fühlt er sich regelmäßig, als würde er "ein paar Dämonen ausreiten". Wer ihn live erlebt hat, weiß, dass das gute Dämonen sein müssen.