Im Idealfall geht es so: das Kind sieht in das Bilderbuch, setzt sich hin, schaut und schaut, und dann nimmt es das Buch und geht zu einem Großen, damit der ihm die Geschichte weitererzählt. Mit Ali Mitgutschs Bilderbüchern wird der Idealfall zur Wirklichkeit.

Das liegt am Aufbau seiner riesigformatigen Doppelseiten. Sie zeigen vor alltäglichen Kulissen wie einem Freibad oder einem Mietshaus unendlich viele Handlungen: da kloppen sich Jungs mit nassen, verknoteten Badelaken, der Schwimmmeister posiert vor der Blondine, der blasse Angsthase wird ins Wasser geworfen. Der Zahnarzt zieht einen kaputten Zahn, während über ihm eine alte Frau ihre Katzen füttert und nebenan Pfannkuchen gebacken werden. Mitgutschs Bilder bieten Fülle, aber nur scheinbar Chaos. Auch Kinder verlieren nicht den Überblick. Er schafft es, wie er selbst sagt, "Bilder zu entwerfen, bei denen die Details nicht irritieren, sondern im Gegenteil immer weiter in das Bild hineinlocken" - eine Augenweide im Wortsinn.

Das erste Buch des Künstlers erschien 1967. Es folgten mehr als dreißig Kinderbücher und vierzig Schulbücher. Viele wurden in andere Sprachen übersetzt. Mit ihnen löste Mitgutsch  ein pädagogisches Dogma auf, nachdem Kinder möglichst schlicht aufgebaute Bücher bräuchten. Das volle Programm auf Mitgutschs Seiten bekam einen eigenen Namen verpasst: Wimmelbild.

Doch der Name führt irre. Denn das unterscheidet Ali Mitgutschs Bilderbücher noch immer von den Wimmelbildern, die durch ihn ganz groß in Mode gekommen sind: Sie bleiben auch ästhetisch eine Pracht. Das liegt an den Farben. Die Badeszene schwelgt in Türkisblau, das Mietshaus - ganz ohne Tristesse - in Graubraun. Jedes Kleidungsstück, jedes Detail vom Handtuch bis zur Bratpfanne folgt diesem Farbkonzept. Der Gesamteindruck dankt es. Das "Kaleidoskop, in dem man menschliche Verhaltensweisen studieren kann", ist ein kunstvolles. So sagt es Maria Linsmann vom Bilderbuchmuseum in Troisdorf bei Bonn . Es zeigt anlässlich des 70. Geburtstags von Ali Mitgutsch vom 12. Juni an die Ausstellung "Ali Mitgutsch - Ein Chronist der Welt im Kleinen". Sechzig Arbeiten sind zu sehen, Original-Illustrationen wie Rundherum um unsere Stadt , aber auch satirische Zeichnungen und kleine absurde Welten, die Mitgutsch für Erwachsene in Objektkästen aus Krimskrams und Alltagsgegenständen gebannt hat. Seit Jahren ist er alt genug, auch für die Großen zu arbeiten.

Derzeit arbeitet er an einem Bilderbuch für Kleinkinder über die vier Jahreszeiten. Darauf freuen wir uns wieder.