Hamburg Dicke Wolken hängen an Hamburgs Himmel. Es ist kalt. Aus den Lautsprechern auf dem Firmengelände des Transport- und Logistikunternehmens TNT tönt Xavier Naidoo: „Wir müssen was bewegen, sonst bewegt sich nichts.“ 290 Mitarbeiter, Familienangehörige, Freunde und Kunden des Unternehmens TNT warten. Um 12.30 Uhr wird ihr Lauf gegen den Hunger beginnen. Mit ihm werden in 90 anderen Ländern, dort an 200 verschiedenen Orten und in 24 Zeitzonen der Erde, weitere Mitarbeiter an Anti-Hunger-Läufen teilnehmen. 5,2 Kilometer ist die Strecke in Hamburg lang - 5,2 Kilometer, die helfen sollen, den Hunger in der Welt zu verringern. Über den Sinn des Laufes sind sich alle Anwesenden einig: „Etwas Gutes tun“.

Der deutsche Anteil an den EU-Beträgen für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) betrug im Jahr 2004 100 Millionen Dollar (über 80 Millionen Euro). Damit war Deutschland der fünftgrößte Geber. Trotz der vielen Hilfsprogramme nimmt der Hunger auf der Welt aber zu statt ab. Die Gründe dafür, so WFP, sind unterschiedlich: Die Flucht vor Kriegen, Dürre, Überschwemmungen, Erdbeben sind häufige Ursachen. Beim Lauf gegen den Hunger sieht man noch andere Gründe: Die ungerechte Verteilung der Güter, denn es ist ja genug auf der Erde vorhanden, um alle satt zu bekommen, die Armut  und der permanente Bevölkerungsanstieg in der dritten Welt. Weltweit, so WFP, gibt es über achthundert Millionen chronisch hungernde Menschen, überwiegend Frauen, Kinder, Kranke und Alte.

Um an den Start bei walk the world gehen zu können, bezahlt eine einzelne Person vier, eine Familie zehn Euro. Geld, das WFP für Schulspeisungen in Entwicklungsländern nutzen wird, denn Hunger vererbt sich. Schätzungsweise 17 Millionen Babys jährlich, so die Organisation, sind bei ihrer Geburt untergewichtig, da ihre Mütter ebenfalls von Hunger gezeichnet sind. 300 Millionen Kinder essen nicht genug, um gesund aufzuwachsen. Sie erblinden, erleiden physische Beeinträchtigungen oder geistige Entwicklungsverzögerungen. Ihr Immunsystem ist schwach, gewöhnliche Krankheiten wie Masern oder Durchfall führen nicht selten zum Tod. Von diesen 300 Millionen Kindern erhalten 100 Millionen, vorwiegend Mädchen, keine Schulausbildung, denn ihre Eltern haben kein Geld, eine Ausbildung zu bezahlen. Oft helfen die Kinder mit, Geld für die Familie zu verdienen.

WFP weiß, dass Essen für hungernde Kinder wichtiger ist als zur Schule zu gehen. Schulessen aber ist kein Standard, denn es fehlt an entsprechenden Einrichtungen. Mit einem hungrigen Magen, so die Hilfsorganisation, lässt es sich nicht gut lernen, die Konzentration ist schlecht. Bildung aber ist das Wichtigste, um Hunger - und auch HIV/Aids - langfristig zu bekämpfen. Die Vergabe von Schulessen wird somit zum Lockmittel für Kinder, um die Schule für sie langfristig interessant zu machen, so die Hilfsorganisation. Das Programm geht auf: wenn Essen angeboten wird, steigen die Schulanmeldungen.

TNT Deutschland und Italien kümmern sich mit WFP um Projekte in Gambia. Auch hier geht es um Schulspeisungen, das Einrichten von Küchen und Latrinen. Bettina Carstensen, TNT-Mitarbeiterin, konnte sich für 3 Monate selbst ein Bild von Gambia machen. Sie hat als Volontärin im Schulspeisungsprogramm der WFP mitgearbeitet, hat den Bau von Schulküchen und Latrinen organisiert und begleitet. Gambia ist mit seinen 1,4 Millionen Menschen das kleinste Land Afrikas und gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Mittlerweile, so WFP, hat sich die Zahl der in Gambia lebenden Menschen, die als „extrem arm“ bezeichnet werden können, von 18 auf 51 Prozent erhöht. 17 Prozent der gambischen Kinder sind unterernährt. Nur 47,5 Prozent aller Jugendlichen die älter sind als 15 Jahre, so die Organisation, können lesen und schreiben. Gambia, so Bettina Carstensen – und sie bittet darum, dass man sie nicht falsch verstehen möge – „sei ein Ort des Drecks, des Staubes und der Hitze. Es gibt keine Bodenschätze, also nichts, was dem Export dienlich ist, dafür lange Dürreperioden und Korruption“. Vor Ort hat sie sich die Warenlager von WFP angesehen, gefüllt mit Reis, Erbsen, Öl und Salz. Sie konnte sich davon überzeugen, dass dieses nahrhafte Essen streng nach Vorschrift an die Schulen, die an dem WFP-Projekt teilnehmen, verteilt wird.

Die Stimmung bei den Anti-Hunger-Läufern von TNT ist gut. Bernd Jacobsen, Niederlassungsleiter Hamburg, betont: „Wer spendet, muss nicht ständig betroffen sein.“ Im Hintergrund ist die Musik eines Spielmannszugs zu hören. Die Rock´n´Roll-Band The Greyhounds steht schon in den Startlöchern. Ihre Gage tritt sie an WFP ab. Die Einnahmen durch die Tombola, 750 Geschenke von TNT-Kunden, sind ebenfalls Spenden. Man ist versucht zu fragen, warum eine einfache Spende, ohne einen derartigen Event, nicht das gleiche Ziel erreichen würde. Die Antwort von TNT und WFP liegt in den Zielen ihrer Organisation: Sie will das Bewusstsein für hungernde Kinder steigern. Durch die Öffentlichkeit können weitere Kontakte geknüpft werden, die zu möglichen Partnerschaften führen. „Der Lauf zeigt, dass man sich persönlich engagiert, auch wenn es nur für einen halben Tag ist“, sagt Dirk Borg, Mitmacher beim Anti-Hunger-Lauf.

Die Idee zum walk the world hatte TNT-Chef Peter Bakker bereits im November 2001 beim Nachdenken über die Zusammenhänge zwischen Armut und dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York. Er beschloss, einen Partner im Kampf gegen den Hunger zu finden und fand ihn im WFP. Seit 1961 kämpft das WFP gegen den Hunger in der Welt. 586 Mitarbeiter allein in der Zentrale in Rom und mehr als 2.500 direkt vor Ort in Krisengebieten – der Hunger sichert paradoxerweise auch Arbeitsplätze auf der Welt.