Die Talkshows haben sie schon erobert, demnächst ziehen sie womöglich auch ins Parlament ein. Zehn Prozent rechnen sich Oskar Lafontaine und Gregor Gysi für ihre neue Linkspartei aus – ein Zusammenschluss von PDS und der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG). Fünfzehn Jahre nach der deutschen Einheit nun – wie es großspurig heißt – die Vereinigung der deutschen Linken? Zumindest hatte nie in der Geschichte der Bundesrepublik eine Strömung links der SPD so große Anziehungskraft. Gilt die Regel also nicht mehr, dass das Land in der Krise nach rechts rückt?

Es rückt nach rechts, und die Linke stürzt in ihre tiefste Krise. Machtlos, sprachlos und zerstritten – so wird sie zuschauen, wenn Angela Merkel Deutschland nach angelsächsischem Vorbild umbaut: Weniger Steuern, weniger Staat, mehr Freiheit, mehr Risiko. Und diese Richtungsentscheidung wird als scheinbar unvermeidliche Modernisierung daherkommen, weil niemand da ist, der eine Alternative benennt. Welch ein Versagen der Linken! Sie kann keinen Richtungswahlkampf führen, denn sie hat selbst die Orientierung verloren.

Gäbe es eine linke Alternative zur Modernisierung à la Merkel? Aber ja, sie liegt sogar recht nahe. Nördlich von Deutschland gibt es vier komfortable Sozialstaaten mit hohen Steuersätzen und niedriger Arbeitslosigkeit. In den Schulen lernen die Kinder dort mehr als ihre deutschen Altersgenossen. Und die Bürger sind reich genug, für Arbeiten, zu denen sie selbst keine Lust mehr haben, Gastarbeiter aus Deutschland anzuwerben.

Wohin soll es gehen – nach Amerika oder nach Skandinavien? Um diese Frage zu stellen, hätte es einer Linken bedurft, die einsieht, dass zum skandinavischen Modell nicht nur hohe Einkommensteuern gehören, sondern auch niedrige Lohnnebenkosten und Arbeitslose, die nicht nur gefördert, sondern tatsächlich gefordert werden.

Schröders SPD weiß das. Hartz IV, Fordern und Fördern, das war, bei aller Unvollkommenheit, ein Schritt in Richtung Skandinavien. Dass sie weitere Schritte nicht wagte, ist dem Widerstand einer Strömung geschuldet, die der grüne Umweltminister Jürgen Trittin treffend eine "Retrobewegung" nennt.

Die Retrolinke, das ist ein Bündnis aus Traditionssozialisten und Gewerkschaftslinken, die im Zeitalter der Globalisierung noch immer auf dem richtigen Klassenstandpunkt beharren. Politische Programme formulieren sie nach dem Prinzip der Tarifverhandlungen: Erst mal das Maximum fordern, eine Million neue Jobs im öffentlichen Dienst zum Beispiel. Jede Umverteilung zulasten der Arbeitnehmer geißeln sie als "neoliberal" – auch wenn sie Schwächeren zugute kommt. An einer echten neoliberalen Reform hingegen, den massiven Steuersenkungen der Regierung Schröder, hatte die Retrolinke erstaunlich wenig auszusetzen. Offenbar galt hier das FDP-Motto "Mehr netto für alle".

Radikale Sekten, Spaltungen, Neugründungen, das gab es immer. Jürgen Trittin könnte der Retrolinken da manches erzählen. Doch diesmal geht es nicht mehr um ein Wählerspektrum im Promillebereich, sondern um die Masse der Gewerkschaftsmitglieder. IG Metall und ver.di haben ihr Bündnis mit den Sozialdemokraten aufgekündigt und werben mehr oder weniger unverhohlen für retrolinke Positionen. So zerrissen war die Linke zuletzt in den zwanziger Jahren nach der traumatischen Abspaltung der USPD von der SPD. Selten haben Gewerkschaftsführer so versagt wie Jürgen Peters und Frank Bsirske.