Ganz ähnliche Gedanken gingen am Anfang wohl auch dem Dichter Matthias Claudius durch den Kopf. Er durchlief eine wenig glückliche Journalistenkarriere und hat im Laufe des Lebens alle Höhen und Tiefen dieses Berufes kennengelernt.

1740 im dänischen Holstein als Sohn eines Pfarrers geboren, besucht er die Lateinschule in Plön, um dann in Jena neben Theologie auch Jurisprudenz, Philosophie und Volkswirtschaft zu studieren. Dem Abbruch des Studiums folgen 1763 erste schriftstellerische Versuche, schließlich erhält der junge Mann eine Sekretärsstelle beim Grafen von Holstein in Kopenhagen. Von 1765 an lebt er wieder im Elternhaus, bis er im Sommer 1768 Redakteur der Hamburger Addreß-Comtoir-Nachrichten und Mitarbeiter der Neuen Zeitung wird. Beide Blätter haben einen bedeutenden literarischen Teil, Herausgeber ist Victor Ludwig Klopstock, Bruder des berühmten Dichters.

Die Hoffnung, endlich selbstständig für seinen Lebensunterhalt sorgen zu können, zerschlägt sich durch den Verlust der Stelle bei den Comtoir-Nachrichten wieder. Da ist 1770 das Angebot Johann Joachim Christoph Bodes, Redakteur einer neu zu gründenden Zeitung zu werden, ein Geschenk des Himmels. Geplant wird sie im kleinen Dorf Wandsbek, eine knappe Fußstunde weit nordöstlich von Hamburg gelegen, vom dortigen Gutsbesitzer Heinrich Carl von Schimmelmann, der mit Bode, dem Freund Klopstocks und Lessings, einen Vertrag über Herausgabe und Verlag eines Wandsbecker Bothen geschlossen hat.

Begeistert stürzt sich Claudius in die Arbeit, diskutiert mit Freunden über mögliche Beiträger und lädt Johann Gottfried Herder ein, in Wandsbek das "Schlittschuhwesen" zu genießen, nicht ohne ihn zugleich – er weiß ja, wie man’s macht – um eine kleine Rezension für die erste Ausgabe zu bitten. Wie zu dieser Zeit üblich, besteht die Zeitung aus dem politischen Nachrichten- und einem literarisch-gelehrten Teil, dem späteren Feuilleton. Seine Mühe verwendet Claudius ganz auf Letzteren. Tatsächlich schreiben hier alle Großen und Größen der Epoche: Eschenburg, Goethe, Herder, Lessing, Klopstock, Gerstenberg, Gleim, Boie, Hölty, Miller, Voß, Ramler, Stolberg und Bürger lassen die Zeitung zum Forum der Zeit werden.

Die Leser aber wissen diesen Glanz nur unzureichend zu würdigen. Sie interessiert allein der wirtschaftliche und politische Nachrichtenteil, und der steht von Beginn an unter keinem guten Stern. Der Bothe war Nachfolger des höchst populären Wandsbecker Mercurius, 1745 gegründet, die erste deutsche Zeitung, die ausdrücklich für den "gemeinen Mann" geschrieben wurde. Programmatisch forderte ihr Verleger Dietrich Christian Milatz: "Ich halt es für die Pflicht, die sich ein Zeitungs-Schreiber / Vor Augen setzen muß, daß er ein Zeitvertreiber / Des ganzen Haufens sey, der seine Blätter list. / Er thut sein Amt nur halb, so oft er dies vergißt. / Die Lust ist bald vorbey, die man davon empfindet, / Wenn man in einem Blatt die blosse (magre) Nachricht findet."

Respektlos und unterhaltsam, so wurde Milatz’ Zeitung ein großer Erfolg. So provozierte sie aber auch zahllose Beschwerden des Hamburger Senats. Besonderen Anstoß erregten Meldungen Aus Capadocien, hinter denen sich mehr oder minder pikante Lokalnachrichten aus der Hansestadt verbargen. 1770 erreichten die Hamburger bei Schimmelmann ein Verbot. Also musste ein neues Blatt her – eben der Wandsbecker Bothe.

Für Matthias Claudius ist diese Vorgeschichte eine Last, nicht nur, weil die Zeitung jetzt unter Vorzensur steht. Mit den Worten "doch nicht aus Cappadocia. / Die nackte Wahrheit lieb ich sehr" stellt er gleich im ersten Stück des neuen Blattes klar, dass er seine Zeitung nicht als Fortsetzung des Milatzschen Blattes versteht. Er will überregionale Nachrichten bieten wie die anderen Zeitungen, begibt sich damit aber auch in direkte Konkurrenz zu diesen. Eine Konkurrenz, der der Wandsbecker Bothe, vorerst noch ohne eigene Korrespondenten und weitgehend auf das Ausschreiben anderer Zeitungen angewiesen, von Beginn an nicht gewachsen ist.