Frieden im Reich, das bedeutet Yasukuni, der Name des Schreins, der für so viel Unfrieden sorgt. Auf dem Hügel Kudan mitten in Tokyo gelegen, bietet er den Angestellten umliegender Büros in der Mittagspause ein baumbestandenes Areal der Erholung. Zu den Festen, die in jeder Jahreszeit dort stattfinden, stellen Händler am Hauptzugangsweg ihre Buden auf, um gebratene Nudeln, Bratäpfel und neuerdings auch Döner zu verkaufen. Es herrscht immer reger Betrieb, so wie in der Nähe anderer Schreine auch.

Nur ist Yasukuni kein gewöhnlicher Schrein. Er ist den japanischen Kriegstoten geweiht, allen Kriegstoten seit 1853, als Japan von amerikanischen Kanonenbooten auf den blutigen Weg in die Moderne gezwungen wurde. Diesen Ausdruck muss man wählen und kann erst recht deswegen nicht von Gefallenen sprechen, weil die Register des Schreins nicht nur die Namen der zweieinhalb Millionen enthalten, die in den Tod geschickt wurden, sondern auch die ihrer Führer - auch derer, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgehängt wurden. Sie, die von den Siegern im Tokyoter Tribunal zum Tode verurteilt wurden, gelten in Japans Nachbarländern als Kriegsverbrecher.

Die Kritik der Chinesen, so penetrant sie wirken mag, ist berechtigt

In den Schrein wurden sie erst 1972 aufgenommen, was insbesondere in China und Korea große Empörung auslöste. Seither ist Yasukuni zum Störfaktor in Japans Beziehungen zu seinen unmittelbaren Nachbarn geworden. Den Grund dafür liefern hochrangige Politiker, die dem Schrein offizielle Besuche abstatten.

Seit seinem Amtsantritt im April 2001 ist Premierminister Koizumi jedes Jahr im formalen Cut des Amtsträgers zum Yasukuni-Schrein gepilgert und hat damit Vorwände genug geliefert, das Verhältnis zu Peking auf den tiefsten Stand seit der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen verkommen zu lassen. Das wirft zwei Fragen auf: Haben die Chinesen Recht? Und warum handelt Koizumi so?

Die Chinesen nehmen an den offiziellen Besuchen nicht nur deshalb Anstoß, weil Yasukuni die Kriegsverbrecher aufgenommen hat. Sie verweisen auch regelmäßig darauf, dass Yasukuni vor und während des Krieges ein Hort des Ultranationalismus und Militarismus war und dass deshalb alle japanischen Reuebekundungen hohl klingen, wenn sie aus dem Mund von Repräsentanten kommen, die dann bei nächster Gelegenheit zum Yasukuni-Schrein gehen, wo vor der Haupthalle auch heute noch Marschmusik ertönt und Priester allen, die es hören wollen, erklären, wer wann wo für unser Land gestorben sei. Auf dem Schreingelände befindet sich ein Kriegsmuseum - gegenwärtig mit einer Ausstellung zum russisch-japanischen Krieg 1904/05 - mit viel martialischem Gerät, das es durchaus schwer macht, an diesem Ort an Frieden zu denken. Am 15. August, dem Tag der japanischen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, ziehen regelmäßig Fähnlein von Revanchisten in ihren alten Uniformen auf, und auch zu anderen Zeiten ist der Schrein alles andere als ein Ort der inneren Einkehr.

Premier Koizumi wiederholt unaufhörlich sein Mantra, dass er nicht den Militarismus wieder hoffähig machen, sondern nur der Toten gedenken wolle, wie es jeder aufrechte Staatsmann zu tun habe. Dieses Argument wäre schwer von der Hand zu weisen, spräche nicht ein gewichtiger Grund dagegen: Chidorigafuji.