Trotz der brisanten Regionalkonflikte, trotz der Gefahr der Nuklearisierung und trotz der Bedrohung durch den Terrorismus besteht die eigentliche Herausforderung für die meisten Staaten und damit auch für die regionale Sicherheit im Nahen und Mittleren Osten in einer anhaltenden Modernisierungsblockade in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Anders gesagt, den Volkswirtschaften in der arabischen Welt mangelt es an internationaler Wettbewerbsfähigkeit, die Erlöse aus den Öl- und Gasverkäufen werden suboptimal eingesetzt, Wissen und Technologie tragen die arabischen Ökonomien nur unzureichend, und es gibt zu wenig wirtschaftliche Verflechtung, geschweige denn Integration in der Region. Betrachtet man das regionale Staatensystem, so fällt der Befund keineswegs positiver aus. Die Gesellschaften werden meistens autoritär oder gar diktatorisch regiert, Demokratie, Menschenrechte, eine unabhängige Justiz, die Gleichstellung der Geschlechter und ein modernes Bildungssystem fehlen in vielen Staaten weitgehend. Und wenn man heute über die regionale Sicherheit im Nahen und Mittleren Osten spricht, so fällt auf, dass es in dieser an Gefahren reichen Region fast an jeglichem Ansatz zu einem kollektiven Sicherheitssystem mangelt. Gewiss war und ist der israelisch-arabische Konflikt dabei ein nicht zu ignorierender Hinderungsgrund, aber auch in dieser Frage dient der Konflikt, wie auch andere externe Faktoren, sehr stark dazu, um von den tatsächlichen Ursachen der Modernisierungsblockaden in der Region abzulenken.

Das eigentliche Problem der gesamten Region liegt in einer politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungsblockade, die den Nahen und Mittleren Osten, trotz seiner gewaltigen Öl- und Gasreserven und einer sehr jungen und schnell wachsenden Bevölkerung, zu einem Krisenherd in der Weltpolitik und zu einer entwicklungsschwachen Region der Weltwirtschaft macht: Der Widerstand der arabischen Wirtschaft, sich der Außenwelt zu öffnen und dem internationalen Wettbewerb zu stellen, gekop pelt mit zeitweise exzessivem Schutz der einheimischen Produkte durch eine Importsubstitutionspolitik, hat den Produktivitätsfortschritt und den Einsatz von Wissen verlangsamt. Der Bedarf an Wissen hat nicht nur deshalb abgenommen, weil das Wirtschaftswachstum und die Produktivität in den arabischen Ländern innerhalb der letzten 25 Jahre ins Stocken geraten sind, sondern auch, weil der Reichtum in den Händen weniger konzentriert ist. [...] Die durch die Globalisierung geförderte Öffnung der Kapitalmärkte verringerte die Möglichkeiten für lokales Wirtschaftswachstum durch Konzentration. Der enorme Kapitalbetrag arabischer Länder, der in den Industrienationen investiert wird und somit den arabischen Völkern nicht zur Verfügung steht, macht in bezug auf die menschliche Entwicklung deutlich, daß nicht der Besitz von Reichtum und Geld entscheidend ist, sondern der produktive Einsatz dieses Kapitals.

So lautet über viele weitere Seiten hinweg die nüchterne und zugleich realistische Analyse arabischer Ökonomen und Wissenschaftler über die Entwicklungsblockaden in der arabischen Welt, die diese im Auftrag des United Nations Development Programme (UNDP) verfaßt haben.

Der Dschihad-Terrorismus droht, die Gesellschaften zu zerstören

Und auch die Antwort der Autoren für einen Ausweg aus der endemischen ökonomischen, politischen und sozialen Krise der arabischen Gesellschaften wird in diesem Bericht klar und eindeutig formuliert: Aus einer positiven Sicht erfordert die Verwirklichung menschlicher Entwicklung in der arabischen Welt, diese Defizite zu überwinden und sie in ihr Gegenteil zu verwandeln: in Vorteile, deren sich alle Araber erfreuen, und Aktivposten, auf die sie vor dem Rest der Welt stolz sein können. Um die menschliche Entwicklung in Gang zu setzen, müssen die arabischen Länder darauf setzen, ihre Gesellschaften entlang dreier klarer Prinzipien wieder aufzubauen: Vollkommene Respektierung von Menschenrechten und Freiheit als Eckstein einer guten Regierungsweise, die zu menschlicher Entwicklung führt. Vollständige Gleichstellung der arabischen Frauen in Anerkennung ihrer Rechte auf gleichberechtigte Teilnahme an Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ebenso wie an Bildung und anderen Wegen, Fähigkeiten zu entwickeln. Aktiver Erwerb von Wissen und dessen wirksame Verwendung zum Aufbau menschlicher Fähigkeiten. Als ein Schlüsselfaktor wirtschaftlichen Fortschritts muss Wissen in allen Bereichen der Gesellschaft effizient und fruchtbar zur Anwendung gebracht werden mit dem Ziel, das menschliche Wohlergehen in der gesamten Region zu steigern.

Dies ist es im Kern, was nötig sein wird, um die Krise der menschlichen Entwicklung in der arabischen Region zu überwinden.

Die Modernisierung der postkolonialen arabischen Welt geschah im wesentlichen entlang zweier Modelle: einem nationalistisch-militärischen und einem absolutistischtheokratischen Modell. Das erstere wurde durch säkulare nationalistische Kräfte in den arabischen Gesellschaften vorangetrieben, die meistens aus einer Verbindung nationalistischsäkularer Parteien und nationalistischer Militärs bestanden. Diese Modernisierungsvariante war im hohen Maße panarabisch orientiert, auf Grund seiner antikolonialen Haltung seit den fünfziger Jahren meist antiwestlich und deshalb auch mit der Sowjetunion verbündet und von deren Waffenlieferungen und finanzieller und technischer Hilfe abhängig. Diese Modernisierungsvariante wollte die Industrialisierung der Volkswirtschaft erreichen, mittels der ökonomischen und gesellschaftlichen Modernisierung den Bruch mit der islamischen Tradition erzwingen und dadurch die Unabhängigkeit unter den Bedingungen des 20.