Die Frauenliteratur, die es, wie immer wieder behauptet wird, nicht geben soll, hat es schwer. Nicht bei den Lesern, nein, die sind ja selber zum allergrößten Teil Frauen, aber sonst. Denn sonst gilt für die Frauen in der Literatur dasselbe, was für Frauen sonst auch gilt: Es dauert alles etwas länger. Friederike Mayröcker, eine der größten Poetinnen deutscher Zunge, musste annähernd achtzig Jahre alt werden, bis man ihr zubilligte, womit man einen Berliner Nachwuchsdichter mit gut dreißig schon krönte. Ilse Aichinger, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Nachkriegszeit, inzwischen weit über achtzig, wird vermutlich ganz auf die Ehrung verzichten müssen, für die man ihren Landsmann Peter Handke mit 31 Jahren schon für reif genug hielt.

Die Rede ist vom bedeutendsten deutschen Literaturpreis, dem Büchner-Preis, den die großartige Brigitte Kronauer nun mit 65 Jahren endlich bekommen hat, in einem Alter, in dem ihre Berufskollegen, denen sie an Qualität und Erfindungsgeist durchaus überlegen ist, schon im eigenen Museum lustwandeln und den Nachwuchs durch selbst gestiftete Preise fördern. Es ist offensichtlich: Die Damen und Herren von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung trauen den Frauen nicht. Und man kann sie sogar verstehen.

Denn entgegen allen gut begründeten Versuchen, den Geschlechterunterschied in der Literatur zu überwinden, ist die weibliche Qualitätsliteratur eine, die auf die realistischen Bauformen des Erzählens mehrheitlich nicht den geringsten Wert legt. Das ehrt und isoliert sie. Bei allen Unterschieden, die zwischen der Prosa einer Brigitte Kronauer, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Ilse Aichinger, Elke Erb, Undine Gruenter, Helga M. Novak, Sarah Kirsch, Ingeborg Bachmann oder Herta Müller selbstverständlich bestehen: Verbunden sind sie durch eine heftige Neigung zu Dissoziation, Labyrinth, Sprachspiel, Spiegelung, Innenschau und poetischer Bildlichkeit, die sich allesamt einer robusten, geradeaus führenden Erzählweise widersetzen, wie sie in den Werken der Herren Grass, Walser, Kempowski, Schneider, Schulze, Politycki, Brussig, Kehlmann, Ortheil, Timm, Delius, Harig, Muschg, um nur einige wenige zu nennen, im Großen und G länzenden regiert.

Die Fakten sprechen für sich, und die allfälligen Ausnahmen ändern bekanntlich keine Regel: Auf der breiten Straße des realistischen Erzählens, der Preise, Podien und Proklamationen ziehen die Männer ihres Wegs, die Frauen haben sich zurückgezogen in Hamburger Dachstuben oder polnische Datschas, in dunkle Kinosäle oder Pariser Exilquartiere, in einsame, windgepeitschte Landhäuser oder Wiener Zettelberge.

Dabei darf man ihre Weltverlorenheit keineswegs mit Weltlosigkeit verwechseln. Reinhard Baumgart, einer der frühen Entdecker und enthusiastischen Förderer Brigitte Kronauers, hat in ihrem Werk vor allem die ausufernde soziale Neugier ausgemacht. Dieser Neugier verdanken wir es, dass selbst so eine profane Örtlichkeit wie das Hamburger Elbe-Einkaufszentrum bis in die letzte Einzelheit kurz und klein beschrieben wird, bevor es in einem Akt romantischer Ironie in den Kunsthimmel auffährt.

In allen Romanen der Kronauer, vor allem in Frau Mühlenbeck im Gehäus, Berittener Bogenschütze, Rita Münster und Teufelsbrück, verbinden sich Kunstwille und die Lust an der Weltaneignung, die Gier nach immer neuen Details und die Sehnsucht nach Auflösung des Stofflichen.