Sie war 14, als das Baby kam, das erste von acht. Niemand hatte ihr gesagt, dass man von Sex schwanger wird. Ich hatte ein hartes Leben, sagt sie. Ihr Lachen ist breit wie der Alabama River. Sie trägt schwarze Turnschuhe zu einem geblümten Kleid mit Spitzenkragen. Hält die grauen Haare mit einem strassbesetzten Reif zurück. Ihr Name ist Mary Lee Bendolph. Ich grinse wie ein Opossum, sagt sie. BILD

Sie durfte nicht mehr in die Schule, musste aufs Feld. Jeden Tag beugte sie sich über die rote Erde. Pflanzte Süßkartoffeln, pflückte Okras, hackte Unkraut. Sie heiratete Rubin. Kind, überleg dir das, sagte ihre Mutter. Du weißt doch, wie er ist. Ihr Lachen ist unmelodisch, verkratzt. Es bricht aus ihr hervor wie ein Schluchzen. Oder so kommt es einem vor, denn sie lacht immer an den traurigsten Stellen.

Rubin schlug sie. Sein Bild hängt in ihrem Wohnzimmer über dem Fernseher. Ein Mann ohne Lächeln, die Hände in den Hosentaschen. Er starb vor ein paar Jahren an einem Gehirntumor. Es dauerte sechs Monate. Sie wich ihm nicht von der Seite. Er war noch immer eifersüchtig. Sie geht jeden Tag zur Kirche. Trinkt nicht, raucht nicht. Sie ist 69 Jahre alt, hat nur noch eine Niere. Krebs fraß die andere. Sie hat viel zu lachen.

Sie ist die, die Zimmer an Fremde vermietet. In Gee’s Bend gibt es kein Hotel. Auch kein Gasthaus, keine Tankstelle, keine Bank. Nur niedrige Häuschen, die wie hingewürfelt zwischen Pekannussbäumen und duftendem Geißblatt liegen. 700 Menschen und drei Kirchen. Ein winziges Postamt, in das es gelegentlich hineinregnet. Ein Laden mit weißen Schindeln und orangefarbener Tür, in dem Ketchup und Dosenmais auf Kunden warten, die so rar sind wie Magnolienblüten im April. Und Mary Lee, die die Tür ihres aprikosengelben Häuschens aufreißt, bevor man das Gartentor aufziehen kann.

Wie eine Anakonda hat sich der Alabama River um das Dorf gelegt

Sie kommt herausgeeilt, gehüllt in Schürze und Bratenduft, schwingt die Arme energisch neben dem kurzen Körper und umarmt die Wildfremde erst einmal. Mary Lees Haut ist dunkelbraun wie ein verwitterter Flusskiesel. Als sie zwölf war, fiel sie aus einem Boot, schluckte Wasser, strampelte. Sie war auf dem Weg zur Kirche und konnte nicht schwimmen. Seither fürchtet sie sich vor Wasser. Ach, Mary Lee.

Das Wasser umzingelt sie. Wie eine Anakonda hat sich der mächtige Alabama River um Gee’s Bend gelegt. Seine schlammigen Fluten schneiden den Weg nach Westen, Süden und Osten ab. Nur nach Norden entkommt eine Straße. Route 29 ist ein einsamer Asphaltstrich durch grüne Wälder. Eichen und Ahornbäume reichen sich über ihm die Äste wie Hände zu einem Pakt. Zwischen ihren Blättern jagen sich leuchtend blaue Vögel.

Eine Stunde lang fährt man, um eine Bank zu erreichen, einen Doktor zu sehen oder ein Gymnasium zu besuchen. Und dann wieder eine Stunde lang zurück. Mücken und Käfer prasseln auf die Windschutzscheibe. Es klingt, als würde es regnen. Samtroter Klee blüht am Straßenrand. Der Mittelstreifen verblasst. Das Handy verliert den Funkkontakt. Wer nach Gee’s Bend will, braucht Geduld. Wer hier bleibt, hat sie. Oder keine Wahl.