Leipzig, 10. Juni 2005

Das Märchen vom Literaturwunderland DDR hatte seine idyllischste Kulisse in einem Wald bei Märkisch Buchholz. Fernab des ideologisch vergifteten Bücherbetriebs, unter Kiefern und Birken, fristete der Schriftsteller Franz Fühmann eine romantisch anmutende Existenz. "Unterm Dach habe ich sieben Vogelnester, und am Haus zieht ein Wildwechsel vorbei." Dichterkollegen, gar Kulturfunktionäre kamen nicht hierher. Es gibt dieses berühmte Foto, da thront Fühmann in der Garage, umgeben von einem Wall aus Büchern, vor ihm auf dem Campingtisch steht die Schreibmaschine – der arme Poet als König und die beschriebenen Blätter als Insignien seiner geheimnisvollen Macht.

Was das Foto verschweigt: Fühmann war ein Gefangener im eigenen Wald. Selbst hier belauerten ihn Ende der siebziger Jahre die Spitzel jenes Staates, zu dem er sich von Anfang an bekannt hatte. Sie strichen Pilze sammelnd ums Haus. Beobachteten, wie er auf klapprigem Fahrrad ins Dorf fuhr. "Manche Berichte", sagt heute der Germanist Jürgen Krätzer, "sind von erstaunlicher Lebendigkeit." Sie malen den Alltag des Dichters. Beschreiben seinen Habitus. Krätzer, der 1987 über Fühmann promovierte und heute an der Uni Halle-Wittenberg lehrt, hat den Nachlass des MfS auf seinen literaturhistorischen Mehrwert geprüft. Et voilà: In Fühmanns 3644 Blatt starker Akte finden sich Rezensionen, die sonst kaum noch auffindbar wären, Abschriften von Rundfunkinterviews, die längst aus den Archiven der Sender gelöscht sind. Da erweist die Stasi uns einen späten Dienst, indem sie Druckgenehmigungsverfahren nachvollziehbar macht und beschreibt, wie der Minister Klaus Höpcke einen Aufsatz, den er selbst bestellt hatte, in der Versenkung verschwinden ließ.

Jürgen Krätzer hat seine Akten-Einsichten nun in der ehemaligen Leipziger Stasi-Zentrale vorgetragen. Das graue Gebäude mit dem sprechenden Namen "Runde Ecke" dient seit langem als Museum, aber es atmet noch immer die Atmosphäre der Diktatur. Enge Flure. Trübe Fenster. Lastender Muff. Es ist das Kafkasche Schloss zum Fühmannschen Wald, die Residenz eines stumpfsinnigen Regimes, das noch die redlichsten Unterstützer der sozialistischen Sache ins Abseits trieb. Franz Fühmann, Jahrgang 1922, Sohn eines NSDAP-Ortsgruppenführers, erst SA-Mann, dann Wehrmachtssoldat, dann Kriegsgefangener in einem sowjetischen Umerziehungslager, kam als Kommunist in die DDR und wurde zu einem ihrer gefährlichsten Kritiker, weil er bis zu seinem Tod 1984 auf dem Ideal einer neuen, besseren Gesellschaft beharrte.

Um Fühmanns Biografie zu verstehen, sagt Krätzer, müsse man stets mitdenken, dass er "über Auschwitz zum Sozialismus" gekommen sei. Sein Trauma: auf der falschen Seite gestanden zu haben. Sein Credo: Skepsis gegen sich selbst. Die übte er sowohl im Ästhetischen als auch im Ethischen mit seltener Radikalität. Persönliche Verfehlungen beschäftigten ihn lebenslang. Von 1954 bis 1957 etwa war der NDPD-Funktionär und schwere Alkoholiker als "Geheimer Informant" der Stasi verpflichtet gewesen, man hatte ihn "aufgrund seiner Überzeugung" geworben, aber dann erwies er sich aufgrund ebendieser Überzeugung als gänzlich unbrauchbar für den Spitzeldienst. Trotzdem verzieh er sich nie. Und so prägt das Zweiflerische, die Unfähigkeit zur Selbstgerechtigkeit seine klingende Prosa, seine dialektische Essayistik.

Krätzers Recherche zeigt, wie Fühmann an der eigenen Integrität zugrunde ging. Seine Kräfte verschliss. "Lieber Hermann Kant", schreibt er nach der Ausbürgerung Biermanns, "mit sinnlos gewordenen Themen wie Arbeit in dem Verband, den Du repräsentierst, wollen wir uns nicht aufhalten." Zäh kämpft er für junge, unbequeme Autoren wie Wolfgang Hilbig und Uwe Kolbe. Je mehr sich der Dogmatismus der Oberen verhärtet, desto schärfer werden seine Invektiven, desto schlimmer wird das Gefühl der Ohnmacht. "Am liebsten tät ich auf die Straße gehen und brüllen", schreibt er an seine Lektorin beim Hinstorff-Verlag. Krätzer sagt, die Lektüre all der "Scheingespräche mit Offiziellen" versetze einen noch nachträglich in Wut. Wie die Oligarchen Fühmanns Protest ins Leere laufen ließen. Ihn aushungerten. In seinem Testament resümiert er: "Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten."