Einsteigen, losfahren, nach bestandenem Abitur die grenzenlose Freiheit riechen, schmecken, begreifen, wow! Klingt ein wenig nach Reinhard Mey und seiner Klampfe, nach Interrail-Romantik und zu schön, um wahr zu sein. Doch statt im ICE sitzen Rike und ihre drei Freunde im klapprigen Kleinbus ihres Bruders Kurti, statt weite Welt wollen sie nur in den Süden Deutschlands zu einem Musikfestival, wo all die tollen Bands spielen, von den Foo Fighters bis zu den Queens of the Stoneage.

Das ist die Ausgangssituation in Tamara Bachs zweitem Roman Busfahrt mit Kuhn, der sich nun gegen den großen Erfolg ihres Debüts Marsmädchen behaupten muss. Als wolle sie zur Sicherheit etwas von der erzählerischen Frische hinüberziehen, klingen die ersten Seiten wohlvertraut. Wieder ein Fragebogen, diesmal die Bewerbung an einer Filmakademie. "Reichen Sie bitte drei Filmideen ein", heißt es im ersten Satz, und schon startet die über weite Strecken als Drehbuch – also in Dialogform – gehaltene Geschichte.

Rike erscheint wie die ältere Schwester von Marsmädchen- Heldin Miriam. Sie ist hübsch, rotzig, widerspenstig, schlagfertig, aber trotzdem oder gerade deswegen erfolglos in der Liebe, bei Noah. Und ausgerechnet jetzt, da er eine Freundin hat, sitzt er zusammen mit Rikes bester Freundin Sissi und deren Freund Lex im Bus. "Wenn man eine Reise macht, braucht man ein Ziel. Wir haben ein großes Ziel und viele kleine", sagt Rike bei der Abfahrt. Und mit dem Erreichen jeder neuen Zwischenstation werden die Beziehungen der vier gehörig durcheinander gewirbelt, zerbricht die Gruppe immer mehr. Die Ordnung der Schule mit ihrem unumstößlichen Stundenplan war einmal, jetzt darf jeder sein Leben individuell gestalten. Aber wie?

Die neue Freiheit bietet Sissi mehr als nur den Schulfreund Lex. Sie steigt unterwegs aus, wenig später folgt ihr Lex. Auch für Rike ist die Zeit gekommen, um dem Liebesgespinst Noah endgültig adieu zu sagen. Sie fährt die restliche Strecke zum Festival allein. Und endlich hat sie das Gefühl, nicht mehr weiter zu müssen, sondern für einen Augenblick angekommen zu sein.

Tamara Bach braucht keine Umwege, um die heile Welt dieser fröhlichen Schülerclique zu erschüttern, die Fassade, wie sie in den einzelnen Steckbriefen in der Abizeitung zu finden ist. Dafür genügen ihr oft verblüffend wenige Zeilen Dialog. Es sind Details, die von der Vergänglichkeit großer Gefühle und von großen Veränderungen erzählen und die souverän eingestreut sind, wenn auch nicht so augenfällig wie in Marsmädchen.

Der jungen Autorin ist das Kunststück gelungen, mit dem zweiten Buch ganz nah am ersten zu sein, ohne wie ein müder Abklatsch zu wirken. Viel ist wieder von Musik und der Bedeutung einzelner Songs die Rede, wieder weht ein leicht melancholischer Grundton durch die Geschichte. Trotzdem ist sie frisch und erfreulich lakonisch erzählt, wenn Rike ihre alten Freunde verliert und am Ende beinahe einen neuen Freund gewinnt: Kurti, ihren verschrobenen Bruder, der sie und seinen geliebten Bus abholen kommt. Als Autorin ist Tamara Bach längst nicht mehr unterwegs, sie ist angekommen – als eine der wichtigen Stimmen in der Literatur für Jugendliche. Ralf Schweikart