Umfragen belegen: Viele Jugendliche in unserem Lande besitzen nur dürftige Kenntnisse über den Nationalsozialismus und seine Massenverbrechen. Diesen betrüblichen Umstand machen sich Rechtsradikale und Neonazis zunutze, um ihre Lügen und Legenden unters Volk zu bringen. Als Mittel dagegen hilft immer noch am ehesten historische Aufklärung. Die liefert Hermann Vinke in seiner Dokumentation Das Dritte Reich.

Der Journalist und frühere ARD-Korrespondent hat in mehreren Büchern, darunter eine preisgekrönte Biografie der Sophie Scholl, bewiesen, dass er sich auf die Bedürfnisse eines jugendlichen Publikums einzustellen weiß. Er schreibt informativ, ohne den aufdringlichen Gestus der Belehrung, in einer präzisen, schnörkellosen Sprache. Und er versteht es, auch komplizierte Sachverhalte bündig darzustellen, ohne dass dabei Wesentliches verloren geht.

Präsentiert wird die Geschichte des "Dritten Reiches" nicht als trockener Schulbuchtext, sondern in einer interessanten Mischung aus Erzählung, handbuchartigen Erläuterungen, Kurzbiografien und chronologischen Übersichten. Besonders hervorzuheben ist die sorgfältige Auswahl der mehr als 300 historischen Fotos. Sie sind nicht nur illustratives Beiwerk, sondern erzählen häufig eine eigene Geschichte.

Vinke setzt kräftige Akzente. Er betont den terroristischen Charakter der Nazi-Diktatur, ohne ihre verführerischen Seiten zu unterschlagen. Heutige Jugendliche möchten ja auch erfahren, was den Nationalsozialismus für junge Menschen damals so attraktiv machte. Noch wichtiger ist es, ihnen verständlich zu machen, wie es zu den beispiellosen Verbrechen hat kommen können. In den Schlüsselkapiteln über den deutschen Vernichtungskrieg und den Holocaust wird nichts ausgelassen: das Wüten der Einsatzgruppen und der Wehrmacht in Polen und der Sowjetunion, das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, die brutale Rekrutierung von Zwangsarbeitern, schließlich die Ermordung der europäischen Juden in Auschwitz und anderen Todesfabriken. "Ein Bruch der Zivilisation findet statt, der in seinen Ausmaßen letztlich nicht fassbar ist", kommentiert der Autor.

Vinke zeigt aber auch: Es gab immer Menschen, die nicht mitmachten oder sich anpassten, sondern der Stimme ihres Gewissens folgten und sich widersetzten – die Bedrängten zur Flucht verhalfen, Juden versteckten, Befehle verweigerten. Von der organisierten Opposition gegen Hitler bis hin zu den kleinen Gesten der Mitmenschlichkeit im Alltag wird eine breite Palette widerständigen Verhaltens entfaltet. Das Buch preist die Tugend der Zivilcourage. Es waren nicht viele, die den Mut zum Protest aufbrachten, und nicht wenige bezahlten mit ihrem Leben. Nicht nur bekannten Widerstandskämpfern, sondern manchen der "stillen Helden" setzt Vinke in seinen biografischen Porträts ein Denkmal.

Am Ende zitiert der Autor aus Richard von Weizsäckers Rede zum 8. Mai 1945: "Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird." Zu dieser Verantwortung gehört ein bewusster Umgang mit der dunkelsten Periode deutscher Vergangenheit, und dafür bietet dieses Kompendium des Wissens eine ausgezeichnete Grundlage. Volker Ullrich

LUCHS 220 wurde ausgewählt von Gabi Bauer, Hilde Elisabeth Menzel, Andreas Steinhöfel und Konrad Heidkamp. Am 16. Juni, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen-Funkhaus Europa das Sachbuch vor (Redaktion: Christiane Schwalbe). Das Gespräch zum Buch sowie weitere Informationen sind abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de/online/service/luchs/luchs220.html

Hermann Vinke: Das Dritte Reich
Eine Dokumentation mit zahlreichen Biografien und Abbildungen; Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2005; 224 S., 19,95 € (ab 12 Jahren)