Zu ihrer Zeit verkannt, durchbrechen zwei aufsehenerregende Romane über den Holocaust in diesem Jahr erst jetzt die Schallmauer der Verdrängung früherer Generationen. Als der Siebente Brunnen des 1917 in Wien geborenen Fred Wander 1971 in der DDR erschien, zeigte man sich an den in fotografischer Treue geschilderten Tragödien alltäglicher Menschen im Konzentrationslager wenig interessiert. Die Memoiren des 1919 in Polen zur Welt gekommenen und später nach Frankreich emigrierten Charles Papiernik kamen bereits 1947 in Paris heraus. Doch die deutsche Fassung fand erst jetzt einen mutigen Verleger. Dass uns diese Zeugnisse zweier aus der Unterwelt der Lager Zurückgekehrter nunmehr in einem anderen Licht erscheinen als dem Zeitgenossen der jeweiligen Erstausgaben, liegt an den Erfahrungen, die uns Leser im Laufe der Jahre verändert und von den Urtexten entfernt haben.

In ihrem erhellenden Nachwort nennt Ruth Klüger den "belesenen Autodidakten" Wander einen sich im Hintergrund haltenden Beobachter. Die Bezeichnung Roman im Untertitel signalisiert die fiktionale Distanz zu seinen Figuren, die er auf knappstem Raum zum Leben erweckt, umrahmt von lyrischen Bildern, die einen Kontrast zur geschilderten Unmenschlichkeit bilden: "Auch im Lager gibt es Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Manche Tage verbleichen müde und farblos wie ein weggeworfener Strauß Narzissen. Aber es gibt die lodernden Abende. Und Morgen gibt es, wo die Sonne blutig heraufkommt, wie aus einer Schlacht."

Papiernik hingegen verzichtet auf verbrämende Kunstformen. Er betritt den Zeugenstand und setzt sich und uns dem Grauen aus, indem er ungeschützt in erster Person über seine Folterqualen und die seiner Mitgefangenen, aber auch über ihre Solidarität und ihren Widerstandswillen berichtet. Dass er die Lager als Hölle bezeichnet, ist ebenso nahe liegend wie irreführend. Nahe liegend, weil die Vernichtungslager und die Todesmärsche gewissermaßen die Abgründe bilden, die den trügerischen Überbau unserer Zivilisation infrage stellen. Irreführend, weil die Hölle den Sündern vorbehalten ist, während hier die Sünder Unschuldige zu Tode martern.

Allein eine Million derselben sind Kinder. Papiernik: "Die Gruben sind vor allem für Kinder bestimmt. Da es weder Zeit noch genügend Gas gibt, um sie zu vergasen, werden sie lebend auf die Scheiterhaufen geworfen. Ihre herzzerreißenden Schreie sind zu hören." Oder: "Die Würfel sind gefallen, das hübsche Kind muß sterben. Ich sehe noch immer den kleinen Pierrot, wie er den Rapportführer Radak anfleht: ›Erbarmen, Gnade! Ich will leben! Ich werde arbeiten, stark sein, werde alles tun, was Sie wollen, aber lassen Sie mich doch leben!‹ Er streckt seine kleinen Kinderhände aus, zeigt seine Muskeln: ›Ich kann arbeiten! Lassen Sie mich leben!‹ Er erhält einen heftigen Fußtritt mitten ins Gesicht. Sein kleines und süßes Antlitz ist blutüberströmt. In meinem Gedächtnis bleiben für immer seine Schreie, sein Bitten, die Fußtritte haften." Und Wander: "Gleich in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft starben einige von den Kindern, was sollten sie auch hier bei uns. Dann, als Jossl umfiel bei der Arbeit auf dem Holzplatz und die Posten ihn mit Schnee zugeschaufelt hatten, zum Spaß, und der Schneehaufen sich bewegte und eine kleine Kinderhand hervordrang und sie weiter Schnee auf ihn warfen und lachten und Zigaretten rauchten dabei."

Sowohl Wander wie auch Papiernik fragen sich immer wieder, wie sich biedere Lehrer, Handwerker, Postbeamte, Rentner, Bauernsöhne in Kriminelle verwandeln konnten. Dabei schwingen sie keine "Moralkeulen". Nur grenzenlose Verwunderung überkommt sie: Was geht in den Köpfen der "Gestiefelten" (wie Wander die für ihn anonymen SS-Verbrecher nennt) vor? Wander: "Jeder von ihnen hatte gemordet. Und sie wußten es nicht, denn wir wären keine Menschen, hatte man ihnen gesagt! Gemordet hatten sie… Und nun standen sie da und schäkerten arglos mit den Mädchen aus dem Dorf." Vordergründig ein Alibi für die Mörder, die es "nicht gewusst hatten"? Wohl kaum. Bestimmt aber die Anprangerung der moralischen Instanzen der Welt, deren "brennende Sorge" nicht ausgereicht hatte, um sich diesem Verrat an der gesamten Menschheit entgegenzustellen.

Also vielleicht doch die Hölle, nicht im Lager, sondern im Herzen der Menschen? Beide Autoren erwähnen die sie heimsuchenden Gefühle der Verlassenheit und der Irrealität. Papiernik: "Auf der einen Seite waren die Gaskammern, fünf Krematorien und drei große Verbrennungsgräben … Auf der anderen Seite war das Leben, was allenfalls bedeutete, daß man um eine Brotkrume oder einen normalerweise für Kühe bestimmten Grashalm kämpfte. Und ob man sich auf der einen oder der anderen Seite befand, hing nur von der minimalen Fingerbewegung eines SS-Mannes ab."

Das Unheimliche wird in seinem Text durch den Bildzyklus Shlomo Selingers illustriert: vielfach gebrochene, verzerrte Zeichnungen, deren eigenartiger Rhythmus mehr über das Grauen aussagt, als viele Fotografien es vermögen. Das Gespenstische: Da diskutiert der junge Bundist Papiernik nächtelang mit dem fortschrittlich gesinnten Exabgeordneten im polnischen Parlament Stemplewski über Sozialismus; beide vertreten die Meinung, das Gute im Menschen müsse siegen. Und dann stellt es sich heraus, dass Papierniks Gesprächspartner den 12- bis 13-jährigen jüdischen Kindern ihre kargen Brotrationen wegnimmt, um sie unter den polnischen Kindern zu verteilen. Nach seinen Motiven gefragt, gesteht der polnische Mitgefangene: "Ich verstehe es auch nicht. Das antijüdische Gift sitzt tief in mir."

Aber nicht nur von Perversität, "Selektion" und tausendfältigem Tod ist die Rede in den beiden Büchern, nicht nur vom Verrat in den eigenen Reihen. Der Kameradschaftsgeist unter den Gefangenen, die ständig bewiesene Nächstenliebe, indem man das letzte Stückchen Brot mit den noch Schwächeren teilt, sich darum bemüht, die Kinder und Kranken zu schützen, die Verzweifelten zu trösten und eine notdürftige interne Ordnung aufrechtzuerhalten, stellen den einzig möglichen Widerstand der ausgehungerten, waffenlosen Menschen dar.