Sie haben weder im Ausland gelernt noch gelehrt. Das ist selten

Hans-Jürgen Papier und Udo Di Fabio – die beiden Staatsbewahrer denken in vielem gleich: Familie, Heimat, Nationalstaat sind für beide Fixpunkte und Fluchtburgen in einer entgrenzten Welt. Dort könne sich der Mensch immer noch am freiesten entfalten – und zugleich Schutz finden, sagt Papier. Sagt ebenso Di Fabio. Europa, das Streben nach großen, übernationalen Einheiten ist den beiden Professoren zu unübersichtlich und darum fremd geblieben. Ihr Betätigungsfeld war immer Deutschland, das deutsche Staatsrecht; sie haben weder im Ausland gelernt noch gelehrt, was heute selten ist für Juristen ihres Ranges.

Jetzt reist der fast 62-jährige Papier als Gerichtspräsident in der Welt umher. Während der elf Jahre jüngere Di Fabio in jeder freien Minute nach Bonn zu seiner Frau und den vier kleinen Kindern eilt. Eigentlich wollte er Ende der neunziger Jahre eine Gastprofessur in den USA übernehmen, doch der Ruf ans Verfassungsgericht machte ihm einen Strich durch die Rechnung. "Aus heutiger Sicht habe ich zu wenig Auslandserfahrung", sagt Di Fabio. Und vom Italienisch seines Großvaters, der in den zwanziger Jahren als Stahlarbeiter ins Rheinland zog, ist auch nicht viel mehr haften geblieben als: "Un espresso, per favore!"

Im Wesen aber und von ihrer Herkunft sind die beiden Anwälte des Nationalstaats völlig unterschiedlich: Hans-Jürgen Papier stammt aus einer wohlsituierten preußischen Familie, die in Berlin eine Mühle besaß, und ist von zurückhaltender, eher spröder Art. Nach der Schule studierte er sofort Jura, und als revoltierende Studenten in den Sechzigern brennende Barrikaden errichteten, arbeitete er zielstrebig an seiner akademischen Karriere. Papier denkt in Strukturen und Systemen. Der europäische Kuddelmuddel, die verschiedenen, nicht immer klar voneinander getrennten Ebenen zwischen Berlin, Brüssel und Straßburg passen da nicht recht hinein. Schon deshalb muss für ihn die europäische Integration Grenzen haben.

Udo Di Fabio dagegen musste sich alles selber erarbeiten und ist als "Kind von Rhein und Ruhr" von sprühendem Temperament. Sein Vater war Bergmann, der Sohn ging nach der mittleren Reife in den Verwaltungsdienst. Nebenbei besuchte er das Abendgymnasium und studierte nach dem Abitur Jura und Soziologie. "Ich habe alles selbst bezahlt." Dieses Leben der aufgekrempelten Hemdsärmel hat ihn geprägt und auch seine Vorstellung von Europa als einem Raum des freien Wettbewerbs und weniger der fürsorgenden Sozialstaaten.

Die Einwanderer baten den Staat nicht um Hilfe, sie wollten anpacken

Die damaligen Einwanderer und die Deutschen, "diese Generation der fünfziger und sechziger Jahre", sagt er, "hat den Staat nicht um Hilfe gebeten, sie wollte anpacken, aufsteigen, aufbauen aus eigener Kraft". Diese Leute seien von einem Freiheitsdrang beseelt gewesen, den wir heute mit "sozialtechnischen Lösungen aushöhlen". Weniger bevormundende Antidiskriminierungsrichtlinien, weniger staatliche Volkspädagogik, dafür mehr Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen und mehr Vertrauen darauf, dass die Leute ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen – das müsste Europas Agenda sein. Deshalb fasziniere ihn das "knorrige, eigenwillige Freiheitsverständnis Amerikas und Englands" und würde ihn eine EU ohne Großbritannien tief besorgen, sagt er. "Wettbewerb, Leistungsbereitschaft, Akzeptanz der Differenz und Fürsorge für jene, die unverschuldet in Armut geraten sind – das angloamerikanische System der Freiheit hat viele Vorzüge, die wir in Kontinentaleuropa etwas nüchterner wägen sollten."