Juni 2001. "Die Flügeltür fliegt auf, wir betreten das Studio. Vor laufender Kamera. Doch erst müssen wir eine Treppe runter, auf der man nicht nebeneinander gehen kann. Nein, um den Vortritt mag ich mich nun wirklich nicht mit ihr streiten. Ich mache eine höfliche Handbewegung – und sie stöckelt los. Unter dem Gejohle des Publikums. Ganz schön naiv von mir, nicht bedacht zu haben, dass im Publikum eine gezielt platzierte Feldbusch-Clique sitzt, die in der kommenden Stunde den Ton angeben wird. Wo bin ich nur gelandet?" So Alice Schwarzer über ihr Fernsehduell mit Verona Feldbusch.

26 Jahre zuvor. Eine Brandschutztür fliegt auf. Eine junge Frau betritt das Fernsehstudio. Vor laufender Kamera. Eine Stimme ruft halb erleichtert, halb vorwurfsvoll: "Alice!" – "Ja, Entschuldigung", entgegnet die mit leicht aufgebrachter Stimme. "Ich habe mich an die Spielregeln gehalten." Sie sagt das so, als habe sich schon jetzt, noch vor dem offiziellen Beginn der Aufzeichnung, jemand nicht an die Spielregeln gehalten. "Ich werde hier angemault…" Alice Schwarzer ist sichtlich verärgert. Offenbar hat sie sich unverschuldet verspätet. Vielleicht hatte sie irgendwo an einem verabredeten Ort gewartet, um dann gemeinsam mit den anderen ins Studio zu gehen. Aber die anderen sind längst hier. In sicherem Abstand begleitet die Kamera eine ungeduldige Alice Schwarzer auf ihrem Weg quer durch den Raum, hin zu einer hell ausgeleuchteten Sitzgruppe. Dort stehen sie bereits, "die anderen": Frau Kraemer, die Redakteurin der Sendung; sie war es, die eben so vertraut "Alice!" gerufen hat. Alice Schwarzer begrüßt sie nur en passant: "Sie kenn ich ja schon, Frau Kraemer", um sich gleich Esther Vilar zuzuwenden: "Sie kenn ich noch nicht… Guten Tag, gut sehen Sie aus!" Das klingt nicht wirklich nach einem Kompliment. Eher wie eine kämpferische Eröffnung.

"Darf ich mich da hinsetzen?", bittet Alice Schwarzer jetzt ziemlich unmissverständlich um jenen Platz, den sich Esther Vilar gerade ausgesucht hatte. Es ist der, der gleich, von den Kameras aus gesehen, der linke sein wird. Nun legt Schwarzer den dicken Stapel Unterlagen, den sie bislang unter dem Arm trug, wie einen Colt auf den Tisch – was Esther Vilar, die ihre Aktentasche zuvor unsichtbar hinter ihrem Stuhl verstaut hatte, dazu veranlasst, sich nun ebenfalls mit ihren Papieren zu munitionieren. "Wann sollen wir denn anfangen?", fragt Esther Vilar. Von Schwarzers territorialer Machtdemonstration schon sichtbar beeindruckt, sucht sie den Blick der ins Halbdunkel abgetauchten Redakteurin. Aber Frau Kraemer, die Initiatorin der Begegnung, steht bei diesem Streitgespräch längst am Rande. "Wir können, glaube ich, sofort anfangen, Frau Vilar!", holt Schwarzer Vilars Aufmerksamkeit zu sich zurück, noch bevor überhaupt von irgendwoher ein offizielles Signal kommen kann. "Darf ich gleich mal mit meiner ersten Frage anfangen?"

Alice Schwarzer, 2001
"Sie sind nicht nur Sexistin, sondern auch Faschistin"

1975 ist das offizielle "Jahr der Frau". Später erinnert sich Alice Schwarzer: "Im Februar 1975 nahm ich die Einladung der WDR-Frauenredaktion zu einer 45-Minuten-Diskussion mit Esther Vilar an. Zu der Zeit war ich längst nicht mehr bereit, mich den abgewirtschafteten Spielregeln der Männerpresse zu beugen. War mir zuvor noch ein Verriss der Vilar-Bücher überflüssig erschienen – das Niveau dieses Geschreibsels entlarvte sich meiner Meinung nach selbst –, so fand ich es nun, im Jahr der Frau, dringend, diesen Tönen Einhalt zu gebieten. Warum? Weil die zynischen Vilar-Argumente (Die Frauen beuten die Männer aus, liegen den ganzen Tag auf dem Sofa und futtern Pralinen et cetera et cetera) in Büros und Schlafzimmern zu geflügelten Worten in Männermund geworden waren. Viele Frauen waren verletzt, empört, aber eben nur privat. Es galt, öffentlich darauf zu antworten. Das war der Grund, warum ich mich auf die ›Diskussion‹ mit Esther Vilar einließ. Eine Diskussion, von der ich im Vorhinein wusste, dass es keine sein würde." Tatsächlich wirkt die redaktionelle Entscheidung, beide Frauen ohne Moderation in die Fernseh-Arena zu schicken, als erwarte der WDR einen unterhaltsamen Gladiatorenkampf, bei dem sich die Frauen vor den Augen der Kameras gegenseitig bis aufs Blut bekämpfen. Vieles spräche ja auch dafür: Beide Frauen sind aktiv im Geschlechterkampf – freilich auf verschiedenen Seiten.

Seit dem stern- Titel Ich habe abgetrieben, den Alice Schwarzer 1971 nach dem französischen Vorbild des Nouvel Observateur für die deutsche Illustrierte organisiert hat, gilt die Journalistin als Vorkämpferin des Feminismus. Am 6. Juni 1971 hatten sich in der Hamburger Illustrierten insgesamt 374 Frauen zu einer – damals noch illegalen – Abtreibung bekannt. Die publizistische Aktion, an der auch Prominente wie Romy Schneider, Senta Berger, Carola Stern und Sabine Sinjen teilnahmen, hatte eine unerwartet große Wirkung, überall in der Republik bildeten sich Frauengesprächskreise und Paragraf-218-Gruppen. Beinahe über Nacht entstand in Deutschland eine neue Frauenbewegung, und Alice Schwarzer wurde ihre hassgeliebte Galionsfigur.

In den Monaten nach der stern- Story ist die Frankreichkorrespondentin immer häufiger in Deutschland unterwegs, bald zieht Alice Schwarzer ganz von Paris nach Berlin. Ein Angebot von Rudolf Augstein, für sein Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel als Reporterin zu arbeiten, scheitert am Mehrheitsvotum der Spiegel- Redaktion. Diese stört sich womöglich an Schwarzers heikler Gratwanderung, politische Aktionen in Gang zu bringen und gleichzeitig über sie zu berichten. Beim Fernsehmagazin Panorama findet Alice Schwarzer für diese Doppelrolle bald ein anderes prominentes Forum.

Das Jahr der stern- Kampagne macht nicht nur Alice Schwarzer, sondern auch Esther Vilar bekannt. Zehn Jahre lang hat die Münchner Ärztin und Psychologin in ihrem kleinen Selbstverlag Caann schon Essays veröffentlicht. Aber erst ihre antifeministische Kampfschrift Der dressierte Mann, für den Spiegel der "kurioseste Bucherfolg der letzten Jahre", wird 1971 ein Bestseller. Vilar vertritt darin die These, nicht die Männer würden die Frauen unterdrücken; vielmehr würden die Frauen ihre Männer ausbeuten. Die Frankfurter Rundschau beurteilt das Buch als "Party-Geblödel einer Weitgereisten". Abseits solcher Verrisse findet das Pamphlet zunächst kaum Beachtung. Das ändert sich, nachdem die Redaktion einer viel beachteten Unterhaltungssendung auf Esther Vilar aufmerksam geworden ist: In Wünsch dir was trifft sie auf ein Millionenpublikum. Die Verkaufszahlen ihres Buches schnellen von 30000 auf 220000 hoch. Bombendrohungen und Talkshow-Einladungen halten sich für eine kurze Weile die Waage. Vilar freut sich: "Vielleicht bin ich im nächsten Jahr reich."

Wie Alice Schwarzer argumentiert auch Esther Vilar in ihren Artikeln und Büchern provozierend, plakativ und damit sehr medienwirksam. Wie Alice Schwarzer füllt auch Esther Vilar mit ihren Lesungen große Säle. Aber im Gegensatz zu der Feministin Schwarzer, der die Journalisten ein "Hexen-Image" verpasst haben, ist die "Antisuffragette" Vilar ein Liebling der Medien. Die "kleine Frau mit großen Sprüchen" (stern) wird in Talkshows herumgereicht und inszeniert bei etlichen demonstrativen Aktionen geschickt ihre öffentliche Persona. So fliegt Vilar im Dezember 1974 auf Kosten des sterns nach New York. Sie will vor der Vollversammlung der UN gegen deren Beschluss protestieren, 1975 weltweit ein Jahr der Frau zu begehen. "Wenn hier jemand ein besonderes Gedenkjahr verdient hätte", so Vilar in ihrer im stern abgedruckten Protestnote, "so wären es die Männer und nicht die Frauen." So eine "sprechende" Aktion hätte sich auch Alice Schwarzer einfallen lassen können.

Das Zusammentreffen der beiden Frauen hat also durchaus provokatives Potenzial. Alice Schwarzer hat sich "sehr bewusst und sehr überlegt" vorgenommen, die journalistischen Spielregeln zu verletzen: "Statt cool-objektiv drüberzustehen und ein Gespräch à la Frühschoppen zu führen, war ich empört, wie Millionen Frauen, und zeigte das auch." Schon ihre erste Frage: "Ist das Satire oder ist das Ihr Ernst?", ist polemisch und erwartet keine Antwort. Kaum setzt Esther Vilar an, ihr Weltbild zu verteidigen, unterbricht Schwarzer sie mitten im Satz: "Ich wollte mich gar nicht so weit darauf einlassen, ich wollte über was anderes mit Ihnen reden." Häufig verlegt sich Schwarzer darauf, ihre Gesprächspartnerin lächerlich zu machen: "Das ist so komisch, dass ich fast gar nicht drauf eingehen kann"; "Das ist alles haarsträubender Unsinn, den Sie da geschrieben haben"; "Irgendwo sind Sie eine tragische Gestalt." Dann wieder droht sie Vilar: "Ich fühle mich doch schlicht diffamiert von Ihnen, ich könnte mir vorstellen, dass es nach dem Gesetzbuch möglich ist, so was strafrechtlich zu verfolgen."

Aber Vilar lässt sich einfach nicht aus der Ruhe bringen, ihre stärkste Waffe bleibt die Freundlichkeit: Auf Schwarzers Prozessandrohung antwortet sie gelassen: "Sie können es versuchen." Als es um das Gerücht geht, den Dressierten Mann habe Vilars Exehemann geschrieben, lächelt die Autorin nur fein: "Ich wäre sehr stolz auf ihn." Da fällt Alice Schwarzer beinahe über ihre eigene Wut: "Ich denke schon", sagt sie, "dass Sie es selbst geschrieben haben. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass eine solche Konfusität…" – Schwarzer gerät ins Stocken, sie muss neu ansetzen: "…also eine solche Verwirrung und solche Widersprüche… von denen Sie offensichtlich ja selbst betroffen sind … dass ein Mann das zu Papier bringt." Mit einem Nachsatz versucht sie die frauenfeindliche Note aus ihrer Bemerkung wieder zu streichen: "Nicht weil er so klug ist, sondern weil er nicht so betroffen ist, nicht so voller Widersprüche." Darauf Vilar von oben herab: "Ich glaube, wir sollten ein bisschen konkreter werden. Sagen Sie mir doch vielleicht bitte, weshalb Sie glauben, dass Frauen unterdrückt werden, und ich werde Ihnen ganz konkret antworten, weshalb ich glaube, dass Frauen nicht unterdrückt werden."

Aber Schwarzers feministische Perspektive, mit der sie auf unbezahlte Hausfrauenarbeit oder die juristisch festgeschriebene sexuelle Verfügbarkeit in der Ehe blickt, lässt die Münchnerin dann eben doch nie gelten. Streckenweise mischen sich in den Schlagabtausch nun harsche Jahrmarkttöne. Schwarzer: "Sie sind nicht nur Sexistin, sondern auch Faschistin." – Vilar: "Ich habe meine Bücher geschrieben, weil ich den Quatsch nicht länger anhören kann, den Sie und ihre Genossinnen in der Öffentlichkeit verbreiten." Als Schwarzer irgendwann entnervt entgegnet: "Liebe gute Frau Vilar. Wenn ich Ihnen sage: ›Der Mond ist gelb, gucken Sie doch mal hin.‹ Und dann sagen Sie mir: ›Der Mond ist blau.‹ Was soll ich Ihnen dann sagen?", kontert Vilar passiv-aggressiv: "Ja, um Ihren Mond geht es mir ja gar nicht. Es geht mir um mein Buch."

Mit der stern- Kampagne hatte Alice Schwarzer sich einen Namen gemacht. Das Streitgespräch mit Esther Vilar macht sie bis in die entlegensten Winkel Deutschlands hinein berühmt. Obwohl die Sendung lediglich im Nachmittagsprogramm des WDR ausgestrahlt wird und nicht einmal bundesweit gesehen werden kann, löst das Gespräch eine eigene kleine Geschlechter-Debatte aus: "Die Männer stimmten für Esther, die Frauen für Alice", schreibt die Fernsehzeitschrift Gong. Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung und der progressive Spiegel widmen dem Streitgespräch ausführliche Fernsehkritiken und zitieren die bizarrsten Wortwechsel in aller Ausführlichkeit. Mit einer Unterschriftensammlung fordern 600 Frauen vom WDR eine Wiederholung der Sendung am Abend – vergebens. "Spätestens seit der Vilar-Sendung war ich populäre Verkörperung der Frauensache und rotes Tuch in Kollegenkreisen", schreibt Alice Schwarzer 1985. Eine vergleichbare Sendung sei ihr nie wieder angeboten worden.

Allerdings fällt vielen – auch Alice Schwarzer selbst – das Streitgespräch von damals wieder ein, als Johannes B. Kerner im Sommer 2001 die Emma- Herausgeberin Alice Schwarzer zu einem Streitgespräch mit der Fernsehmoderatorin Verona Feldbusch in sein Hamburger Studio einlädt. Wie 26 Jahre zuvor sind auch diesmal die Medien nicht ganz unbeteiligt daran, dass die Fernsehbegegnung als brisantes Zusammentreffen wahrgenommen wird: Zwei Monate lang haben Bild & Co. einen Disput zwischen der Feministin Alice Schwarzer und der Schönheitskönigin Verona Feldbusch zum "Weiberzank" hochgeschrieben. So wird dieser Fernsehabend zum Showdown einer Auseinandersetzung, die Alice Schwarzer auf einer Lesung aus ihrem jüngsten Buch Der große Unterschied mit einem einzigen Satz angefacht hat: "Das Phänomen Feldbusch ist eine einzige Ohrfeige für uns Frauen. Wie doof sind eigentlich Männer, dass sie auf Verona so abfahren?"

Am Tag nach der Lesung haben die Nachrichtenagenturen Schwarzers Polemik bundesweit verbreitet. Allerdings mit einer kleinen Abweichung in der Formulierung: Sie personalisieren das Zitat, in den Agenturfassungen heißt es nicht mehr "Phänomen Feldbusch", sondern "Verona Feldbusch ist eine Ohrfeige für uns Frauen". Ein kleiner Unterschied mit großen Folgen. Aus der medialen Metakritik ist über Nacht ein heftiger persönlicher Angriff geworden. Die Mutter der Deutschen Frauenbewegung steht plötzlich als stutenbissige Alte da, die der jungen postfeministischen Geschäftsfrau Feldbusch ihren Erfolg nicht gönnt. Verona Feldbusch, Schönheitskönigin, Peep- Moderatorin und versierte Promoterin in eigener Sache, lässt Alice Schwarzer ihre Bereitschaft zu einem Streitgespräch ausrichten. Natürlich kommuniziert sie diese Botschaft über die Medien. Der Boulevard greift den "Zickenkrieg" begierig auf. Die griffigste Formulierung für den verbalen Schlagabtausch, der dieser Herausforderung folgen soll, erfindet die Bildzeitung: "Brain meets Body".

Alice Schwarzer war 32 Jahre alt, als sie 1975 Esther Vilar zu Beginn der Fernsehaufzeichnung ihren Stuhl streitig machte. Verona Feldbusch ist 33 Jahre alt, als sie in der Johannes B. Kerner Show vor Alice Schwarzer die Treppe hinunterstöckelt. Die ehemalige Miss Germany, Miss Intercontinental und Miss American Dream arbeitet seit ihrem 18. Lebensjahr. Sie hat trotz ihrer piepsigen Stimme eine Platte besungen, die TV-Erotikshow Peep moderiert und war 1999 die meistfotografierte Frau Deutschlands. Als Werbeträgerin wird Verona Feldbusch mit den höchsten Gagen der Branche bezahlt. Obwohl die gebürtige Bolivianerin immer wieder mit ihrer Grammatikschwäche kokettiert – für die Telefonauskunft Telegate wirbt sie mit dem Spruch: "Hier werden Sie geholfen" –, hat sich Verona Feldbusch den respektablen Ruf erworben, eine erfahrene Geschäftsfrau zu sein. Als sie 1996 in ihrer Blitzehe von Ehemann Dieter Bohlen geschlagen wurde, trennte sie sich auf der Stelle. Und nicht nur das. Clever machte sie sich das Interesse der Boulevard-Medien an ihrem Rosenkrieg zunutze, um eine eigene Karriere zu starten: Den Vorwurf ihres Exmannes, nicht kochen zu können, verarbeitete Verona Feldbusch später in einer Werbung für Instant-Spinat zum selbstironischen Zitat. Alice Schwarzer hat ihr Leben lang dafür gekämpft, dass Frauen so erfolgreich und selbstbewusst und unabhängig leben können wie Verona Feldbusch. Ihren eigenen Kriterien nach müsste sie die junge Frau also durchaus wertschätzen. Aber die Feldbusch ist eben nur hinter ihrem schillernden "Immer-zu-Diensten-Blick" (Schwarzer) emanzipiert. "Ich möchte das lippengeschürzte Weibchen nicht mehr sehen", klagt die Altfeministin deshalb in der Johannes B. Kerner Show. Der "erfolgreiche Unterhaltungsfaktor" (Feldbusch über Feldbusch) wirft sich darauf prompt noch heftiger in seine Push-up-Pose – "Aber ich bin doch das Weibchen!", kiekst sie und bietet an, "freiwillig die Barbiekarte" zu nehmen.

Alice Schwarzer, 2001
"Ich möchte das lippengeschürzte Weibchen nicht mehr sehen"

"1975 wurde noch geredet, 2001 ging es nur noch um Körpersprache", vergleicht Schwarzer nachträglich die beiden Streitgespräche. Tatsächlich "argumentiert" Verona Feldbusch häufig körpersprachlich. Sie zieht ausgerechnet in dem Moment lasziv die Jacke aus (und legt so ihr Dekolleté frei), als Alice Schwarzer auf Kerners Frage antworten muss, was die Feministin an dem Sexsymbol schätze. Wenn Schwarzer sich kurz an sie wendet und etwas herablassend sagt: "Entschuldigen Sie, wenn ich einen sexualwissenschaftlichen Diskurs führe", haucht Feldbusch nur ein höfliches "Ohbittesehr" und wechselt aufreizend gelangweilt ihre Beinstellung. Aber ist das alles wirklich so neu? Auch das Streitgespräch "Alice kontra Esther", aus dem Alice Schwarzer als Gewinnerin hervorging, wurde von den Kritikern vor allem anhand der habituellen und nonverbalen Zeichen gedeutet. In den Rezensionen geht es ausführlich um die Optik (Vilar trägt die helle Hose, Schwarzer den dunklen Rock), um sanfte und aggressive Stimmlagen, um laszive und angriffslustige Körperhaltungen. Kurz: Nicht erst in der Auseinandersetzung mit Verona Feldbusch, sondern bereits 1975 trumpften nicht allein die vorgetragenen Argumente. Schon damals begründete Schwarzers "betroffen-aggressiver" Auftritt ihr Image ("blond, schmal, von scharfer, drängend nervöser Intelligenz"). Dass Schwarzers Disput mit Esther Vilar im Vergleich zur Begegnung "Schwarzer versus Feldbusch" als so fundiert, aufrichtig und inhaltsvoll in Erinnerung blieb, ist letztlich nur dem historischen Kontext des Fernsehereignisses zu verdanken: 1975 ist die Auseinandersetzung mit dem Feminismus gerade erst debattenfähig geworden. 2001 ist sie nicht einmal mehr talkshowfähig.

"Selten habe ich in meinem Leben eine so quälende Stunde verbracht wie in dieser Kerner-Talkshow mit Feldbusch", wird Alice Schwarzer ihren Auftritt später bilanzieren. Der "Krieg der Powerfrauen" (Hera Lind in Bunte) konnte nur mit einem "Punktsieg für Pumps" (Spiegel) enden. 1975 hatte Esther Vilar ihre antifeministischen Thesen nicht nur mit den gleichen Statistiken, sondern auch mit demselben heiligen Ernst vertreten wie ihre Herausforderin Alice Schwarzer. Beide Frauen waren mit ihrem Habitus und ihrer Streitkultur dem Zeitgeist der Siebziger verpflichtet. Verona Feldbusch ist aber ein Kind der Postmoderne. Das Geheimnis ihres Erfolges besteht gerade darin, in ihrer öffentlichen Rolle rein gar nichts ernst zu nehmen – vor allem nicht sich selbst. Eine Frau, die auf die Frage eines Journalisten: "Wie blöd sind Sie eigentlich?" mit: "Klug genug, um Erfolg zu haben" antwortet, kann man wohl kaum mit feministischen Vorhaltungen herausfordern. Für Alice Schwarzer wiederum ist der Feminismus aber nicht ironiefähig. Ihr gesamtes Lebenswerk steht dagegen.

* Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch von Klaudia Brunst: "Je später der Abend… Über Talkshows, Stars und uns", das demnächst im Herder-Verlag erscheint