Der Masseur erkennt sie alle. Wenn sie nackt vor ihm liegen, nur mit einem Handtuch bedeckt. Sie zahlen nicht. Trotzdem knetet, walkt und drückt er sie nach allen Regeln der Kunst. Denn sie kommen mit Gutschein. Und wer mit Gutschein kommt, ist ein Gewinner. Gewinner einer "Woche Erholung pur" im Hotel Dollenberg im Schwarzwald.

Den Namen des Hotels hören Hunderttausende. Jeden Sonntagabend. Denn wer Lindenstraßen- Fan ist und auch nur 30 Sekunden zu früh vor dem Fernseher, wohnt zwangsläufig der Gewinnverkündigung der ARD-Fernsehlotterie bei.

Das Hotel Dollenberg liegt unterhalb des Kniebis. Das ist ein Berg. Der Dollenberg ist eher eine Anhöhe. 650 Meter über dem Meeresspiegel, am Ende des engen Renchtals, das zum Schwarzwaldkreis Ortenau gehört, und etwa eineinhalb Kilometer außerhalb eines Kurorts, der Bad Peterstal-Griesbach heißt und nicht gerade spektakulär ausschaut. Das macht aber nichts, denn das Dollenberg ist eine Welt für sich. Fünf Sterne Superior, das bedeutet, dass es in der obersten Liga spielt. Da muss man sich was einfallen lassen.

Meinrad Schmiederer hat viele Ideen. Er ist der Besitzer des Dollenbergs, seit den siebziger Jahren, als seine Eltern, die Bier verkauft und aus dem Wohnzimmer eine Vesperstube gemacht hatten, ihr Tagelöhnergehöft zum Hotel umbauten. Doch just der Gedanke mit der ARD-Fernsehlotterie hat nicht nur einen Vater, sondern auch eine Mutter. Mutter Beimer. Marie-Luise Marjan war zu Besuch auf dem Dollenberg. So kamen Hotelier und Schauspielerin, kamen Hotel und Lindenstraße zusammen. Man kann sich gut vorstellen, dass auch Mutter Beimer hier Gast ist und den Kunden ihres Reisebüros den Besuch für ganz besondere Hochzeits- und Feiertage empfiehlt. Das könnte passen. Die Spiegel funkeln, alles ist gewienert und frisch aufgeschüttelt und doch so heimelig mit den Schäfchen-, Häschen-, Hühnchenfiguren in den Fluren dekoriert, dass der Landhausprunk den ARD-Glückskindern nicht wirklich Scheu macht. Neulich habe ihm ein Gewinner zum Abschied gesagt, er werde jetzt gleich zu sparen beginnen, um sich noch einmal einen Urlaub hier gönnen zu können, erzählt Meinrad Schmiederer.

Am liebsten wäre es dem Hotelbesitzer gewesen, wenn der Dollenberg eine Rolle in der Lindenstraße bekommen hätte. Das ging nicht. Jetzt spielt das Hotel Dollenberg zehn Sekunden lang eine Rolle vor der Lindenstraße. Das ging. Wie genau, will Meinrad Schmiederer nicht verraten. Die Lindenstraße hat an manchen Sonntagen über fünf Millionen Zuschauer. Seit drei Jahren hat das Hotel den Sendeplatz vor der Serie. Kurz blitzen vier Giebel auf, ein silbernes Auto in einer Hotelauffahrt, ein Pool mit Flamingo oder ein fein eingedeckter Tisch, eine Suite mit roten Sesseln.

Manchmal geht am Sonntagabend noch das Telefon im Hotel, weil jemand aufmerksam geworden ist und einen Prospekt will. Manchmal passiert aber auch nichts. Zusammen mit Gotthilf Fischer war das Haus auch schon in Fernsehsendungen zu sehen. Gotthilf Fischer kommt gern und Tony Marshall auch. Beide sind Freunde des Hauses. In den hell getäfelten Bauernstuben, die dem Gourmetrestaurant gegenüberliegen, übersäen gerahmte Fotos der beiden Promis, abgelichtet mit anderen Prominenten, die Wände.

Die jungen, ranken, gepflegten Damen von der Beauty-, Spa- und Wellness-Abteilung sagen, sie würden die Preisträger nicht gleich erkennen. Im Spa müssen auch Gewinner zahlen. Man kann zum Beispiel ein Kakaobad nehmen, das laut Preisliste ein "außergewöhnliches Wellness-Feeling" spenden soll. Am Wannenrand werden Pralinen serviert mit Cappuccino oder mit Latte Macchiato. Das Wasser in der Wanne ist zartbitterschokoladenbraun, und am Wannenboden gründeln noch die Brösel vom Pulver, mit dem das Bad angerührt wurde.

Die Gewinner bekommen in ihrem Preispaket die Bahnanreise und zweimal Massage mit Fangopackung. Fango kostet weniger als die Hälfte des Kakaobads und wird wie die Vollmassage in der medizinischen Bäderabteilung verabreicht, die ein Stockwerk vom Spa getrennt ist. Hier zahlt sogar die Krankenkasse die Anwendungen, wenn sie verschrieben wurden. Das Kohlensäurebad zum Beispiel, bei dem das Wasser in einer eigenen Pipeline vom Griesbacher Mineralbrunnen kommt. Das ist natürlich nicht so hip wie Thalasso.