Der Unternehmensberater räuspert sich. "Es fehlt da, äh, noch eine letzte Überweisung." Johannes schwitzt leicht, als er das sagt. Zum einen liegt das daran, dass er nie zuvor Unternehmen beraten hat, und jetzt verweigert ihm der Kunde auch noch das Honorar. Vielleicht schwitzt Johannes auch, weil er einen Anzug angezogen hat – obwohl das Thermometer 33 Grad anzeigt und über den Dächern von Braunschweig die Sommerluft flimmert. Und wahrscheinlich ist Johannes auch deshalb angespannt, weil sie ihn von allen Seiten beobachten. "Okay, Break!", unterbricht Seminarleiter Bojan die Simulation.

Eigentlich ist Johannes gar kein Consultant, sondern will einer werden. Darum sitzt er nicht mit Freunden im Biergarten, sondern mit 13 ähnlich gekleideten Männern und Frauen im Seminar für "Corporate Behaviour", um in Rollenspielen schwierige Situationen des Berater-Daseins zu proben – zum Beispiel, was man macht, wenn ein Kunde nicht zahlen will. Veranstalter ist Consult One, die erste studentische Unternehmensberatung in Braunschweig. Mit den Rollenspielen und Schulungen trimmen hier Studenten andere Studenten auf die Arbeit als Consultant. Über die zusätzliche Arbeitszeit neben dem Studium beschwert sich keiner. "Bei uns hat man die Möglichkeit, Praxiserfahrung bei einer Aufgabe zu sammeln, die ganz anders als ein normales Praktikum ist", sagt Ingo Peper, Vorstandsmitglied von Consult One, "in Teamarbeit, eigenverantwortlich, vor Ort beim Kunden – und mit dem entsprechenden Leistungsdruck."

Seit Juli 2002 gibt es Consult One. Damals hatten 16 angehende Wirtschaftsingenieure aus Braunschweig Erfahrungen in der Consulting-Branche sammeln wollen. Weil in der Umgebung keine Unternehmensberatung zu finden war, stiegen die Jungakademiker selbst ins Geschäft ein. Heute arbeiten für Consult One 35 Studenten aktiv als Berater, dazu kommen 25 passive Mitglieder und ein Dutzend Anwärter wie Johannes.

An immer mehr Universitäten gründen Studenten Beratungsunternehmen. Warum bis zum Abschluss warten, wenn die Karriere im dritten Semester beginnen kann? In Braunschweig ist die Nachfrage so groß, dass sich Consult One regelmäßig ein Assessment Center mit mehreren Auswahlstufen leistet. "Damit haben wir uns anfangs nicht viele Freunde gemacht", sagt die Pressesprecherin Maren Ehlert. Viele Studenten hielten das Auswahlverfahren für elitäre Wichtigtuerei. Consult One hielt es für geeignet, bei den Kunden Vertrauen zu schaffen. Mit Partys will man das Vereinsimage an der Uni geraderücken, das Assessment Center aber bleibt.

28 Firmen mit 2200 Beratern haben sich im Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberater (BDSU) zusammengeschlossen, mit Namen wie Academy Consult oder Study & Consult. Sie erstellen Imageanalysen, entwickeln Businesspläne und tüfteln Vertriebsstrategien aus. Vor allem bei regionalen Unternehmen sind die professionell auftretenden Junior-Berater in eine Marktlücke gestoßen. "Sie sind keine McKinseys", sagt Gerold Leppa, "aber für ein Haus unserer Größe völlig ausreichend." Leppa ist Geschäftsführer der Braunschweiger Stadtmarketing, die Investoren in die Stadt holen und sich um den Fremdenverkehr kümmern soll. Mit einer Prozessanalyse halfen ihm die Leute von Consult One, sich einen Überblick über seine Firma zu verschaffen, klärten ihn auf, wo sich Kompetenzen überschnitten, und schlugen vor, welche Arbeitsschritte beschleunigt werden könnten. Das Wirken der studentischen Berater beschreibt Leppa als "Glücksfall".

Als eine der ersten studentischen Beratungen gründete sich 1993 in Paderborn der Verein Campus Consult. Aus der Uni-Klitsche ist mittlerweile eine der führenden Hochschulagenturen mit 90 überwiegend studentischen Mitarbeitern geworden. Der Umsatz liegt im siebenstelligen Bereich. Als Student gehörte Wibbing zu den Gründern von Campus Consult e. V., heute ist er fest angestellter Geschäftsführer der Projektmanagement GmbH von Campus Consult. "Einer unserer Erfolgsfaktoren ist unser Preis-Leistungs-Verhältnis", sagt Wibbing. Tatsächlich können die Uni-Consultants manch altehrwürdige Agentur unterbieten, weil sie ihre Tätigkeit nicht als Einkommensquelle, sondern als Investition in die Zukunft verstehen. Klaus Reiners vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater sieht das Aufkommen der jungen, motivierten – und: billigen – Consultants dennoch gelassen. "Wenn es um größere Beratungsprojekte geht, sind studentische Unternehmensberater keine Konkurrenz." Im Gegenteil, ältere Berater-Firmen wüssten das Engagement der Jugend zu schätzen, ergänzt Wibbing – und nutzten Treffen des BDSU zur Rekrutierung. Damit wäre dann ja auch eines der Unternehmensziele erreicht.