Null Komma acht. Besser als die Bestnote, besser als alle anderen. 0,8 war der Notendurchschnitt von Simon Eisel im vergangenen Jahr, fast nur 1+ in allen Fächern. Jetzt steht er kurz vor den mündlichen Abiturprüfungen, und wenn alles glatt geht, müsste er ein 1,0-Abitur bekommen. Das wäre aber auch wirklich das Mindeste. Mit weniger wäre er unzufrieden. Simon ist 20 Jahre alt, macht in diesen Tagen sein Abitur am Friedrich-Schiller-Gymnasium im schwäbischen Ludwigsburg. Seine Leistungskurse sind Physik und Geschichte, seitdem er zehn ist, programmiert er am Computer, für Matheklausuren hat er nie gelernt, er freut sich, wenn er auf englische Redewendungen stößt, die er noch nicht kennt. Er weiß überhaupt sehr viel – jedoch nicht, was er nach dem Abi machen soll.

Vielen Abiturienten des Jahrgangs 2005 ergeht es so in diesen Wochen. Eine Ära in ihrem Leben ist vorüber, doch eine neue hat noch nicht angefangen. Plötzlich ist sie da, die Zeit der Entscheidung, die Zeit der Studienwahl. Plötzlich sollen sie wissen, was sie studieren sollen. Oder anders gesagt: womit sie den Rest ihres Lebens verbringen sollen. Das verunsichert. Das macht Sorgen. Und bringt zum Nachgrübeln über sich selbst und das Leben an sich.

Auch bei Carolin Heiserholt aus Essen ist das so. Nach dem Abschluss an der Realschule entschied die 20-Jährige sich, erst einmal an der Unesco-Schule Essen Abitur zu machen. Über 80 Prozent der Schüler sind hier Ausländer, viele von ihnen Neuankömmlinge, die besonders betreut werden. Die Schulzeit hat Carolin Spaß gemacht. "Ich habe in der Zeit sehr viel gelacht", sagt sie. Die 12. Klasse hat sie freiwillig wiederholt, damit ihr Abischnitt besser wird. Jetzt hat sie eine 3,2 gemacht und ist damit zufrieden. Vor drei Wochen hat ihre Stufe während der Abifeiern eine Mottowoche veranstaltet mit einem "Pyjamatag", einem "Hip-Hop-Tag" und einem "Geschlechtertauschtag". Jetzt ist der Schulspaß vorbei. Es gibt kein Hinauszögern mehr. "Die Götter verlassen den Abilymp!" hieß das selbstbewusste Abimotto ihrer Stufe. Nur wohin genau sie vom Abilymp gehen soll, das weiß Carolin noch nicht.

Anne-Kathrin Fiege, 18, Abiturientin aus Ostfriesland, hat schon einen genauen Plan für ihre Zukunft. Ihre Leistungskurse sind Latein und Biologie. Sie hat die 11. Klasse übersprungen, spielt seit neun Jahren Geige, seit zwei Jahren Klavier und ist Konzertmeisterin im Jugendsinfonieorchester Ostfriesland. Die nächsten Monate wird sie auf zwei verschiedene Kontinente reisen. Zuerst in ein Musikcamp nach Michigan, wo sie mit Jugendlichen aus aller Welt musiziert, danach geht sie für ein halbes Jahr nach Indien, um dort Kinder in Englisch zu unterrichten. Wieder zurück in der Heimat, will sie Medizin studieren, am liebsten weit weg von Ostfriesland in Süddeutschland, auf jeden Fall aber in einer Stadt, die größer ist als Marienhafe, das Dorf, aus dem sie kommt. Aber auch Anne-Kathrin ist ihre Studienwahl schwer gefallen. Sie hat viele Gespräche mit ihren Eltern geführt, sich mit Bekannten und Verwandten unterhalten, im Internet recherchiert und Rankings verglichen. Früher hätte sich Anne-Kathrin vorstellen können, in die Forschung zu gehen, doch sie hat Angst, dass sie als Frau im Forschungsbetrieb benachteiligt wird. Lieber will sie nun Kinder- oder Allgemeinärztin werden. So meint sie später auch besser Familie und Beruf vereinbaren zu können.

Tatsächlich scheint die schlechte Arbeitsmarktstimmung die Entscheidungen der Abiturienten zu beeinflussen. "Es herrscht eine generelle Verunsicherung", sagt Birte Ruthmann, Lehrerin an Carolin Heiserholts Schule in Essen. Sie hat Carolin im Englisch-Leistungskurs unterrichtet und nimmt in ihrem Religionsunterricht auch "Berufs- und Lebensplanung" durch. "Manchmal schlage ich wirklich nur noch die Hände über dem Kopf zusammen, weil es so traurig ist", sagt sie. Die Träume ihrer Schüler, sagt sie, würden sich auf einem viel zu niedrigen Niveau bewegen. "Viele sind jetzt schon total ernüchtert, dabei geht es ihnen doch materiell gut." Die Schüler, so Ruthmann, würden oft viel zu spät anfangen, sich für ihren künftigen Weg zu entscheiden. "Es geht nicht, dass man sich erst nach dem Abitur überlegt, was nun werden soll. Das muss schon viel früher passieren!"

Die erste Frage bei der Studienberatung ist die nach den Jobchancen

Auch Wolfram Wickel, Leiter der zentralen Studienberatung der Universität Bonn, sitzt in seinen Beratungsgesprächen immer mehr Abiturienten gegenüber, die vor allem eine Frage haben: Welche Berufschancen können sie sich in den jeweiligen Studienfächern ausrechnen? Wie Anne-Kathrin aus Ostfriesland kalkulieren auch Carolin aus dem Ruhrgebiet und Simon aus Baden-Württemberg ziemlich genau, wie sie mit ihrem späteren Beruf einen Arbeitsplatz bekommen: Carolin zum Beispiel denkt darüber nach, Grundschullehrerin zu werden. Nun aber hat sie gehört, dass vor allem Real- und Hauptschullehrer gesucht werden – ein Grund für sie, umzuschwenken. Allerdings hat sie auch ein Praktikum bei der Physiotherapeutin gemacht, das ihr gefallen hat. Vielleicht doch lieber eine Ausbildung?

Studienberater Wickel empfiehlt Schülern dringend, schon früh die Initiative zu ergreifen. Da sich in Zukunft immer mehr Hochschulen ihre Studenten in Auswahlverfahren selbst aussuchen, sei es für Abiturienten wichtig, sich so früh wie möglich zu orientieren. Schließlich kann schon die Wahl der Oberstufenkurse den späteren Weg entscheiden. Hat ein Schüler ein Fach erst einmal abgewählt, wird er die Hochschuljury nur schwer überzeugen können, dass er es auf einmal studieren möchte. "Die Hochschulbewerber müssen sich ein eigenes Profil schaffen. Und dieses Profil erreichen sie leider nicht, wenn sie erst kurz nach dem Abi darüber nachdenken, was nun kommen könnte."