In der Oper sitzen heute immer mehr Menschen, die bloß Anna Netrebko gucken wollen, dann Bahnhof verstehen und bei ihrer hektisch aus dem Programmheft vorlesenden Freundin den Grundkurs La Bohème nachholen müssen: Wer mit wem gegen wen. Und wann und warum. Ältere Generationen können sich in solchen Augenblicken ein leicht überlegenes Lächeln nicht ganz verkneifen. In den Belangen der populären internationalen Oper nämlich kennt sich aus, wer während der fünfziger und sechziger Jahre ein gründlicher Radiohörer gewesen ist oder hernach Omas Plattenschrank zu plündern wusste.

In Köln zum Beispiel, wo Heinrich Böll gerade Wo warst du, Adam? schrieb, leitete damals der in Breslau geborene Dirigent Franz Marszalek nicht nur das dortige Rundfunkorchester, sondern präsentierte auch eine Sendung, die den drolligen Titel Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank trug. Dieser Herr Sanders pflegte sein Publikum sehr geduldig auf das Abo Blau im Stadttheater vorzubereiten, wo es in der Pause Pikkolöchen von Deinhard gab. Und vorher und nachher Carmen. Selbstverständlich auf Deutsch.

Das Verfahren der publikumsfreundlichen Übersetzung nahm mitunter allerdings verfälschende Züge an, wenn aus dem Anfang der Habanera L’amour est un oiseau rebelle plötzlich "Ja, die Liebe hat bunte Flügel" wurde. Aber jenseits der verharmlosenden Tendenzen war der volkspädagogische Zweck mustergültig erfüllt. Jetzt wird diese Tradition endlich wieder aufgenommen: In hübscher Retroverpackung legt Universal Opern-"Querschnitte" auf, die sich im Zeitalter der tüfteligen Gesamtaufnahmen ein wenig gestrig ausnehmen, aber dem Einsteiger noch immer großen Erkenntnisgewinn bescheren – und dem Kenner ein Wiederhören mit Sängern wie Rita Streich, Peter Anders oder Sándor Kónya. Kónya ist berühmt für seinen "puccinihaften" Lohengrin, den er 1958 in Bayreuth sang, wobei ihm Wagners Stück zu einem Traum aus Silber und Blau geriet. Nun treffen wir Kónya, der später vor allem an der Met Erfolg hatte, wieder: mit Georges Bizets Blumenarie Hier an dem Herzen treu geborgen, außerdem als Manrico, Canio und Turiddu. Die Aufnahmen entstanden Anfang der sechziger Jahre und wurden meist in einem Rutsch produziert. Doch trotz des robusten Zugriffs Franz Marszaleks auf die Partitur gibt Kónya eine schöne Talentprobe nach der anderen. Seine Leichtigkeit und sein Legato suchen bis heute ihresgleichen.

Neben Kónya fallen Anneliese Rothenberger (als Prinzessin Mi im Land des Lächelns ) und Peter Anders (als Prinz Sou-Chong) auf. Anders, der zunächst als Revisor gearbeitet hatte und auf dem zweiten Bildungsweg zur Oper fand, debütierte als Tamino bei den Salzburger Festspielen, wechselte dann vom lyrischen Fach in die Rolle des jugendlichen Helden, hätte sich nach dem Otello sogar den Tristan zugetraut. Dazu kam es jedoch nicht: Anders starb mit 46 Jahren bei einem Autounfall. Sein künstlerisches Erbe trat der fernsehtaugliche Rudolf Schock an, und von da an saßen die Westdeutschen lieber vorm Fernseher, als ins Stadttheater zu gehen. Ihre Lieblingssendung hieß: Erkennen Sie die Melodie .

Klassik unter Sternen:
Das Land des Lächelns (476 7146), Carmen/ La Bohème (476 7031), Bajazzo/Cavalleria Rusticana (476 7147), Troubadour/Rigoletto (476 7201), Peter Anders – eine unvergessliche Stimme (476 2679) (alle bei Universal)