Der Zukunftsentwurf Europas, in der Unionsverfassung festgeschrieben, begeistert die Bürger Europas nicht. Das haben die Referenden in Frankreich und den Niederlanden gezeigt. Aber wie steht es mit der Vergangenheit? Kann man in der Geschichte Europas Anknüpfungspunkte finden für positive Gefühle, für mehr Identifikation mit dem Kontinent?

Die Verfassung selbst äußert sich dazu ambivalent: Sie schöpfe, heißt es in der Präambel, aus dem kulturellen Erbe Europas, aus dem sich die "Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben". Dass es neben dieser Tradition auch anderes, weniger Erfreuliches und Hochtönendes gab, wird kurz angedeutet: "Schmerzliche Erfahrungen" seien der Vereinigung vorangegangen, "alte Gegensätze" hätten Völker und Nationen getrennt. Das alles aber sei nun passé, aufgehoben in dem Wunsch, "immer enger vereint" die Zukunft zu gestalten. Zugleich jedoch gelte es, den jeweiligen Stolz auf die "nationale Identität und Geschichte" auch im vereinten Europa zu pflegen.

Die Präambel variiert die Zauberformel, mit der sich das europäische Projekt generell schmückt: "in Vielfalt geeint". Als wohlklingender Wahlspruch für Gegenwart und Zukunft mag diese Formel geeignet sein. Aber gilt sie auch für den Umgang mit der Vergangenheit? Wie steht es um das Geschichtsbewusstsein der Europäer? Ist es national gefärbt oder enthält es übernationale Elemente? Lassen sich nationale und europäische Identitäten aus historischer Sicht überhaupt vereinbaren?

Geschichtsbewusstsein ist ein zentraler Baustein individueller und kollektiver Identität. Die Bildung von Nationalstaaten seit dem Beginn der Moderne ging oft einher mit dem Bemühen, eine Nationalgeschichte zu schreiben. Geschichte galt als Rechtfertigung des Gegenwärtigen und als Schlüssel zur Zukunft. Professionelle Historiker waren nicht die Einzigen, die an solchen politischen Entwürfen mitwirkten. Die Autoren historischer Romane, die Maler nationaler Mythologien oder die Architekten nationaler Denkmäler waren mindestens ebenso einflussreich. Die Konstruktion eines auf die Nation konzentrierten Geschichtsbildes war eine multimediale Angelegenheit, die sich auf mächtige Institutionen stützen konnte. In Schulen und im Militärdienst, auf städtischen Plätzen und ländlichen Hügeln wurde nationale Geschichte in Szene gesetzt. Die Bürger eigneten sich dies an – manchmal im Verbund, oft aber gegen regionale Traditionen, die sich nationaler Einvernahme trotzig widersetzten.

Kriege spielten bei dieser Inszenierung eine wichtige Rolle. Sie galten als Ereignisse, die nationale Identität bekräftigten, zuweilen auch erst erzeugten. Seit dem frühen 19. Jahrhundert lässt sich dieser Nexus überall in Europa beobachten: in Frankreich, Spanien und Griechenland nicht anders als in Großbritannien, Deutschland und Italien. Krieg und Nationsbildung waren zwei Seiten derselben Medaille. Selbst wenn die Waffen schwiegen, blieb ihre Sprache vernehmbar: im Gedenken an die "Helden", die für die Nation gefallen waren. Kriegerdenkmäler, in jeder Stadt und jedem Dorf zu finden, hielten die Erinnerung lebendig und vergegenwärtigten den nationalen Opfertod von vielen. Dieser schweißte die Nation zusammen.

"Erwähnt werden die eigenen Siege, nur nicht die der anderen"

Nationale Identität im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts beruhte folglich auf einem Geschichtsbewusstsein, das den heroischen Kampf um Einheit, Macht und Ehre in den Mittelpunkt stellte. Es ging stets darum, die eigene Nation gegen andere benachbarte europäische Nationen zu profilieren, die eigene kulturelle, politische, militärische Überlegenheit zu betonen und zu behaupten. Nationalstolz und Patriotismus wirkten in der Vergangenheit vor allem ausschließend, abgrenzend und abwertend. Sie weckten keine freundschaftlichen Gefühle für andere, sondern rückten das Eigene in ein glänzendes, alles überstrahlende Licht.

Nun gut, könnte man einwenden, das war bis in die Epoche der Weltkriege so, hat sich aber doch nach 1945 grundlegend geändert. Stimmt das wirklich? Schauen wir uns um: Die nationalen Denkmäler stehen immer noch, viele neue sind hinzugekommen. Gerade in den osteuropäischen Staaten hat nach dem Ende der sowjetischen Blockpolitik die Sehnsucht nach nationaler Orientierung um sich gegriffen. Erstmals seit dem Kalten Krieg können Länder wie Polen, Lettland, Tschechien oder Slowenien ihre Geschichte nach eigenem Gusto, ohne Rücksicht auf einen Hegemon oder eine Ideologie, schreiben. Das führt zu einer Rückkehr des Nationalen, die im Geschichtsunterricht ebenso sichtbar zum Ausdruck kommt wie in der Literatur und im öffentlichen Raum. Aber auch in den alten EU-Staaten wird Geschichte nach wie vor ausschließlich in der und für die eigene Nation konzipiert, und die Absicht ist fast immer eine apologetische.