In Barcelona pflegt man ein inniges Verhältnis zu Schriftstellern, die von der eigenen Stadt erzählen. Als beliebtester Autor konnte lange Manuel Vázquez Montalbán gelten, dessen Privatdetektiv Pepe Carvalho nicht nur Mordfällen, sondern auch Barcelonas inoffizieller Geschichte nachging. Vázquez Montalbán ist 2003 gestorben, Carvalho lebt weiter. Seit kurzem gibt es sogar geführte Touren auf seinen (und Montalbáns) Spuren, mit eingestreuten Schauspielszenen. Diese Touren sind zweisprachig, und zwar wie folgt: Carvalho & Co. sprechen, der Romanvorlage gemäß, spanisch; die Führerin spricht auf Katalanisch, in der offiziell erwünschten Umgangssprache der Stadt. Für Barceloneser ist diese Mischform kein Problem. Sie verstehen, sprechen und lesen sowohl Katalanisch als auch Spanisch.

Ihre Zweisprachigkeit empfinden viele Katalanen als Bereicherung. Anderen ist sie ein Dorn im Auge. Die Nationalisten unter den Katalanen kämpfen seit Francos Tod für mehr regionale Autonomie. Ihnen gilt die eigene Sprache als bester Beweis einer eigenen Mentalität und einer eigenständigen Kultur. Das Spanische dagegen betrachten sie als Fremdkörper. Sie möchten lieber, einem aktuellen Slogan gemäß, "vollständig auf Katalanisch leben". Vor einigen Monaten nun ist Katalonien zum Gastland der Frankfurter Buchmesse 2007 gekürt worden – ohne Zweifel eine Bestätigung des regionalen Sonderstatus.

Die ungetrübte Freude darüber hielt allerdings nicht sehr lange an. Denn bald gingen die Nationalisten daran, die Frankfurter Einladung in ihrem Sinne auszulegen. Und das heißt: Zur katalanischen Kultur kann nur jene Literatur gerechnet werden, die auf Katalanisch geschrieben wird.

Zuerst stand das, entsprechend ausformuliert, nur in einer Erklärung des Verbandes der Schriftsteller in katalanischer Sprache. So weit, so absehbar. Aber dann übernahm die bürgerlich-nationalistische Partei CiU die Definition und brachte sie ins regionale Parlament ein. Dort hat zwar eine Links-Koalition aus Sozialisten, Republikanern und Grünen die Mehrheit. Doch die Linken sind derzeit eifrig dabei, das bürgerliche Lager in nationalistischem Ehrgeiz an die Wand zu spielen. Und so verabschiedete das Parlament in großer Koalition kurzerhand eine Entschließung, der zufolge die katalanische Sprache "unverzichtbares Wesensmerkmal" aller katalanischen Literatur sei.

Damit wäre nicht nur Vázquez Montalbán (postum) aus der katalanischen Literatur ausgeschlossen. Die Definition träfe auch lebende Autoren wie Juan Marsé, Eduardo Mendoza oder Carlos Ruiz Zafón, die jeweils einen bedeutenden Teil ihres Werkes der eigenen Heimat gewidmet haben. Da sie jedoch nicht im vermeintlichen Ur-Idiom ihres Landes schreiben, sondern in einer gewissermaßen eingewanderten Sprache, dem kastilischen Spanisch, taugen sie wenig für die nationalkatalanische Sache. Und zu deren höherem Ruhm soll die Mission "Buchmesse" doch vor allem dienen. Oder etwa nicht?

Die Verleger wussten es natürlich besser. Einige beschwerten sich. Die meisten publizieren ohnehin zweisprachig. Auch die Chefs mehrerer katalanischer Kulturinstitute mahnten, das vorauseilende Ausschlussverfahren bitte abzubrechen. Bisher ist das Gerangel um die Vorzugsplätze in der offiziellen Delegation nicht ausgestanden. Es sind ja auch noch mehr als zwei Jahre Zeit. Aber die Lobbyisten haben schon mal den Blutdruck gemessen. Er war feurig hoch gestimmt für das kleine Vaterland und dessen heiß geliebte Muttersprache.

In Katalonien sind Klientelismus und Nationalismus ein gut geschmiertes Team. Die katalanische Literatur (im engeren Sinne) ist ein hoch subventionierter Betrieb mit vielen Günstlingen und wenigen echten Größen. Weil das Geschäft mit der Förderung immer gut lief, wurde zu flüchtig lektoriert, zu schnell genehmigt und zu viel gedruckt. In den Augen der Landesregierung galt jedes Buch auf Katalanisch als gutes Buch. Denn es bewies, was zu beweisen war: dass die Katalanen in ihrer ureigenen Sprache lesen und leben wollen. Noch heute lagern in Magazinen der Regionalverwaltung Hunderttausende Garantieexemplare, die man den Verlagen ohne Rücksicht auf Qualität abgenommen hat.

Erst seit wenigen Monaten wird selektiv und qualifiziert gefördert. Man muss abwarten, wie das aufs Niveau durchschlägt. Buchhändler empfehlen, die Titelflut künftig auf die Hälfte zu reduzieren. Die subventionierte Lobby versucht in der Zwischenzeit, den Knick schönzureden, und nimmt sogar Zuflucht bei den Bestsellern der Gegenseite. Auf einer Veranstaltung der Kulturbeauftragten zum Lob der katalanischsprachigen Literatur wurde vor kurzem ausdrücklich hervorgehoben, dass die meisten Romane von Vázquez Montalbán oder Mendoza nun endlich auch ins Katalanische übertragen seien. Vielleicht deutet sich damit ein Kompromiss für die Frankfurter Buchmesse an: Spanisch schreibende Katalanen dürfen offiziell mitreisen – wenn sie nur einen katalanischen Übersetzer vorweisen.