In der kommenden Woche treffen sie sich wie jedes Jahr seit 1951 in der Insel-Stadt Lindau. Nobelpreisträger der Naturwissenschaften und der Medizin halten Vorträge, reden mit Studenten und genießen die herrliche Landschaft. Es waren zwei Lindauer Ärzte und der schwedische Graf Lennart Bernadotte, Herr über die Insel Mainau, die dieses Treffen gründeten, um der deutschen Wissenschaft nach der Isolation unter den Nazis einen grenzüberschreitenden Dialog zu ermöglichen.

Doch das traute "Familientreffen der Nobelpreisträger" drohte seinen Sinn zu verlieren. Manch betagter noble Stammgast rief eher peinliches Schweigen hervor denn angeregte Diskussionen. Nach Lindau zu müssen war für begabte Jungforscher manchmal eher Qual als Lohn. Zudem: Deutschlands Wissenschaft ist längst wieder international integriert.

Eine Neuorientierung war notwendig, wenn dieses Spitzentreffen für Deutschland erhalten bleiben sollte. Der Erste, der das erkannte, war Bundespräsident Roman Herzog. Er förderte zum 50. Jubiläum die Gründung einer Stiftung, um so die finanzielle Basis zu sichern. Und er regte eine programmatische Neuausrichtung an: nicht mehr Familientreffen, sondern Schmelztiegel für die globale Forschungselite.

Tatsächlich beginnen die Konferenzen in Lindau allmählich, ihr Gesicht zu wandeln. Eine Tagung der Wirtschafts-Nobelpreisträger im vergangenen September gab einen Vorgeschmack, wie es in Zukunft bei den Treffen zugehen soll: Nicht mehr die Verehrung für die Laureaten steht im Mittelpunkt, sondern die Motivation und Vernetzung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Publikum.

Anstelle des über Jahrzehnte gepflegten elegischen Vortragsreigens wechseln sich jetzt im Tagungsprogramm Podiumsdiskussionen und Workshops im kleinen Kreis ab. Die Zuhörer sind junge Wissenschaftler aus der ganzen Welt, "die besten 10 Prozent ihres Jahrgangs", wie es in den neuen Auswahlregeln heißt – und nicht mehr vorwiegend Studenten aus Deutschland wie früher. Mehr als zwei Drittel der Teilnehmer kommen aus Nord- und Südamerika, aus Asien und Europa. Und jeder bekommt ein dickes Buch mit den Adressen und wissenschaftlichen Lebensläufen aller anderen Teilnehmer in die Hand gedrückt. Der Gedankenaustausch kann nach der Begegnung in Lindau über das Alumni-Netzwerk auf der gründlich erneuerten Website fortgesetzt werden.

45 Nobelpreisträger aus Physik, Chemie und Medizin werden sich in der kommenden Woche in Lindau treffen. Ein Zeichen, dass sich auch vielbeschäftigte Nobelpreisträger die Zeit nehmen, nach Lindau zu kommen, wenn ihnen die Zielsetzung wichtig genug ist.

Deutschland gehört heute nicht mehr zu den Nationen, die Hilfe von außen brauchen. Die Frage lautet vielmehr, was Deutschland für eine globalisierte Welt tun will. Einen Ort für die globale Vernetzung der jungen Forscherelite zu schaffen passt gut zur langen Forschungstradition.