Bei der Rückkehr in meine alte Straße sind mir zwei Menschen begegnet, der eine ist tot, der andere bin ich. Matthias Steiger hieß er. Er war der Schuhmacher des Ortes und noch eine Menge mehr. Er hatte einen kleinen Kiosk mit Zeitungen, Zeitschriften und Süßigkeiten. Hinten war die kleine Werkstätte, in der er auf durchaus zweifelhafte Art Schuhe reparierte, vorn verkaufte er.

Man klopfte an eine Glasscheibe, dann kam er von hinten nach vorn und zog das Schiebefenster auf. Man konnte Süßigkeiten einzeln kaufen, eine Gummischlange für zwei Pfennige, drei kleine Colaflaschen für einen Pfennig und Negerküsse, so hießen die damals noch, kosteten je nach Wetterlage. Manchmal kostete ein Negerkuss beim Herrn Steiger fünf Pfennige, manchmal bekam man fürs gleiche Geld vier.

Wenn man reinbiss, wusste man, warum: Sie waren steinhart gefroren.

In einem Bücherregal in meiner Berliner Wohnung liegt sein Sterbebildchen. Ein altes Gesicht: höckrige Nase, Brille immer etwas heruntergerutscht, meistens schlecht rasiert. Seit ich denken kann, war Matthias Steiger alt, damals, Ende der sechziger Jahre und die gesamten Siebziger. Meine Erinnerung an ihn hat sich gewissermaßen in eine Materie verwandelt, die aus Geschichten besteht, aus unendlich vielen Geschichten und seiner Lebensphilosophie, die deshalb so eindrucksvoll war, weil er sie gelebt hat.

Sein Sohn, ein hoher Finanzbeamter, sagte einmal: Mein Vater ist einer, der hat sein ganzes Leben von einem Tag auf den anderen gelebt. Da schaute ihn der schon hochbetagte Vater an und sagte: Du auch, du weißt es nur nicht.

Matthias Steiger vertrat die Ansicht, das gesellschaftliche Leben sei ganz falsch organisiert: Als junger Mensch müsste man eine Rente bekommen, weil man da ja vom Leben noch was habe, als Alter könne man dann ruhig arbeiten, was solle man schon sonst tun? Er hielt sich an dieses Prinzip: Als Junger ging er vor allem fischen, spielte Karten und ging auf die Rennbahn, kannte Frauen und traf Freunde. Als Alter war er fleißig, noch mit weit über 80 fuhr er morgens um fünf bei jedem Wetter Zeitungen aus und stand in seinem Kiosk.

Vielleicht sollte man sich dieses Modell ganz schnell patentieren lassen und der Bundesregierung anbieten: Die Alten müssen ran, die Jungen bekommen Rente. So kann man der Vergreisung der Gesellschaft gelassen entgegenblicken.

Icking heißt mein Ort, 25 Kilometer südlich von München, knapp viertausend Einwohner, heute wie damals. Als ich im Rathaus die Sekretärin des Bürgermeister frage, ob ihr der Name Matthias Steiger etwas sage, ruft sie: "Na klar, der Hias, das war noch ein richtiges Orginal!" Um dann hinzuzufügen: Nein, persönlich habe sie ihn nicht gekannt, sie sei erst in den Neunzigern nach Icking gezogen, aber alle würden immer von ihm erzählen, von seinen Geschichten.