DIE ZEIT: Die Union verspricht den Bürgern kostspielige Projekte wie die Reformen der Einkommensteuer und des Gesundheitswesens, gleichzeitig aber auch eine Sanierung der Staatsfinanzen. Welche ihrer Versprechen wird die Union brechen, wenn sie die Bundestagswahl gewinnt?

Michael Meister: Keines. Wir werden alle Zusagen einlösen, die wir in unserem Regierungsprogramm geben, das wir am 11. Juli beschließen werden. Und dafür werden wir auf mittlere Sicht, nimmt man alle Reformprojekte zusammen, keine zusätzlichen Schulden machen.

ZEIT: Damit sind die Finanzen noch nicht saniert.

Meister: Stimmt. Die laufenden Steuereinnahmen reichen gerade aus, die gesetzlich gebundenen Leistungen, Personalausgaben, Kreditzinsen und Rentenzuschüsse zu bezahlen. Dem Bundeshaushalt 2005 fehlen strukturell 60 Milliarden Euro.

ZEIT: Das ist weitaus mehr als im Haushaltsplan von Finanzminister Hans Eichel steht.

Meister: Meine Rechnung geht von der ausgewiesenen Nettoneuverschuldung mit rund 22 Milliarden Euro aus. Dazu kommen 23 Milliarden an Privatisierungserlösen und noch einmal 15 Milliarden an derzeit absehbaren Mehrausgaben und Mindereinnahmen: ein nahezu völliger Ausfall des Bundesbank-Gewinns, geringere Steuereinnahmen, zusätzliches Geld für Hartz IV und weitere Zuschüsse an die Bundesagentur für Arbeit, die im ersten Quartal deutlich mehr Mittel verbraucht hat, als ihr, hochgerechnet für das ganze Jahr, zur Verfügung stehen. Wenn wir nichts tun, würde das strukturelle Defizit in den nächsten Jahren noch weiter wachsen, weil die amtierende Regierung das Wirtschaftswachstum und damit die Steuereinnahmen weit überschätzt.

ZEIT: Was will die Union, wenn sie die Wahl gewinnt, unternehmen?