Nach Auszählung von 90 Prozent der Stimmen hat Teherans Bürgermeister Machmud Ahmadi Nedschad in der gestrigen Stichwahl nach Angaben des Innenministeriums 62,2 Prozent der Stimmen erhalten und wird damit Staatspräsident Irans. Sein Rivale Rafsandschani kam nur auf 35,3 Prozent. An der Stichwahl sollen 49 Prozent der Wahlberechtigten teilgenommen haben; in der ersten Wahlrunde vom vergangenen Freitag waren es 63 Prozent.Die hohe Wahlbeteiligung und die schmetternde Niederlage des alten Fuches Rafsandschani haben auch Experten überrascht. Wieder einmal erweist sich, dass Irans Gesellschaft mehrere Realitäten hat, sichtbare und unsichtbare. Die Kampagne für Ahmadi Nedschad vollzog sich in den Moscheen der armen Regionen, also im Süden der Megastadt Teherans und auf dem Lande. Die iranische Provinz ist, anders als die vibrierende Hauptstadt, fast komplett abgeklemmt von den modernen Kommunikationsnetzen, und es darf nicht unterschätzt werden, was es heißt, dass die Bevölkerung seit mehr als einem Vierteljahrhundert der islamistischen Gehirnwäsche ausgesetzt ist. Sie lebt in ärmlichen, teilweise sogar elenden Verhältnissen; die Kombination religiösen Eifers mit sozialer Agitation war daher die Rezeptur für den Wahlsieg. Der Sieg des fundamentalistischen Revolutionärs Ahmadi Nedschad kann mithin als Ausdruck der Unzufriedenheit mit einem Regime verstanden werden, das dem Volk alles versprach und doch nur den privilegierten Familienclans und ihren korrupten Helfershelfern etwas gab. Das reformistische Lager, dessen Exponent der bisherige Staatspräsident Chatami war, konnte zwar Stück um Stück mehr individuelle Freiheit im urbanen Alltag durchsetzen, hatte aber keine Lösung für die wirtschaftlichen Probleme eines Landes anzubieten, dessen Bevölkerung schnell wächst, das aber, weil es nur zögerlich an der Globalisierung teilnimmt, unter akutem Kapitalmangel leidet. Eben deshalb hatte auch der stinkreiche Rafsandschani, Inbegriff des Revolutionsgewinnlers, keine Chance gegen den volksnahen Agitator Ahmadi Nedschad. Nun also ein Savonarola, ein Jean Paul Marat. Das iranische Volk ist zu bedauern. Preiskontrollen, Verwaltungswirtschaft und eine Politik der ökonomischen Abschottung gegen den Westen werden den Armen nicht helfen; allenfalls ist sozialer Aktionismus denkbar, der – wie unter Chavez in Venezuela – durch Einnahmen aus dem Ölgeschäft finanziert wird. Dass der Neue seine Macht durch eine rigorosere Kultur- und Religionspolitik zu sichern bereit ist, haben seine Äußerungen im Wahlkampf bereits gezeigt. Allerdings hat er sich über Bekleidungsvorschriftenn oder das Internet auch so geäußert, dass ihm Spielraum für Lockerungen bleibt, sobald sie ihm taktisch nützen könnten. Es darf vor allem aber nicht vergessen werden, dass der Staatspräsident nur eines von mehreren Machtzentren im Lande ist, und auch sein politisches Lager nur ein Teil des Machtspektrums; unter den Konservativen sind die stärksten nach wie vor die Vertreter der ökonomisch herrschenden Klasse. An der neuen Lage ist lediglich eines eindeutig: Die Reformer, vorher schon an den Rand gedrängt, sind nun ausgeschaltet.Der Westen ist deswegen geschockt. Die Sache der Freiheit hat einen Rückschlag erhalten, und das Atomproblem wirkt bedrohlicher denn je. Allerdings hat sich auch Ahmadi Nedschad bisher an die Sprachregelung gehalten, Iran strebe nur zivile Atomtechnik an. Außenpolitik ist nicht sein Metier und offenbar auch nicht sein vordringliches Interesse. Das wird wohl bedeuten, dass die Diplomatie stockt (und die Atom-Verhandlungen mit der ohnehin geschwächten EU beendet werden), aber auch, dass Irans regionale Machtinteressen nicht zu den Prioritäten des Präsidentenlagers gehören. Gewiss, Rafsandschani wäre sicherheitspolitisch der angenehmere Präsident gewesen, Ahmadi Nedschad heißt indes noch nicht, dass Iran ein Kernwaffenstaat wird. Drohungen aus dem Westen dürften diesem Mann zwar gleichgültig sein, doch Irans Establishment hat kein Interesse an einem abenteuerlichen Kurs und dürfte daher mäßigenden Einfluss nehmen. Denkbar auch, dass die neue Regierung auf klammheimliche Hilfe aus dem Westen angewiesen sein wird, um ihr Sozialversprechen wenigstens teilweise zu erfüllen, was wieder Raum gibt für sicherheitspolitische Deals.Gleichwohl, niemand kann jetzt mehr hoffen, dass Iran auf die Anreicherung von Uran verzichtet. Stattdessen ist nun zu fordern, dass das iranische Angebot, den Brennstoffzyklus vollständig und detailliert von der Wiener Atombehörde IAEA überwachen zu lassen, nicht auf dem Papier bleibt. Zur Zeit scheint die Präsenz von möglichst vielen IAEA-Inspektoren der einzige Weg zu sein, ein nukleares Wettrüsten in der Region abzuwenden – oder einen Präventivschlag gegen iranische Atomanlagen.