Vielleicht gibt es ein paar neidische Blicke über den Großen Teich, wenn Ende dieser Woche zum vierten Mal die Konferenz Deutscher Corporate Governance Kodex in Berlin stattfindet. Deutschlands Wirtschaftsführer, Politiker und Vordenker diskutieren über unternehmerische Leitungsfragen und bessere Kontrollen, aber die Amerikaner leben das harte Durchgreifen scheinbar entschlossen vor. Letzte Woche wurde zunächst Dennis Kozlowski verurteilt, der ehemalige Chef des Industriekonglomerats Tyco und Einkäufer von 6000-Dollar-Vorhängen auf Firmenkosten. Dann musste John Rigas, der 80-jährige Firmengründer des Kabelnetzbetreibers Adelphia, wegen Betrugs hinter Gitter - wohl bis an sein Lebensende. Schon in den Monaten zuvor hatte es spektakuläre Urteile etwa gegen den Worldcom-Gründer Bernard Ebbers gegeben, und amerikanische Gesetzeshüter stellten bereits die ersten Auslieferungsanträge gegen Unternehmer im Ausland.

Doch jenseits der Schlagzeilen mehren sich die Zeichen, dass den Aufräumern in der amerikanischen Unternehmenslandschaft die Puste ausgeht.

Das deutlichste Zeichen dafür ist wohl die Nominierung eines neuen Chefs für die Wertpapieraufsichtsbehörde SEC. Der noch bis zum Monatsende amtierende Ex-Marine und langjährige Finanzexperte William Donaldson hatte vor einigen Wochen frustriert das Handtuch geworfen, weil die Washingtoner Handelskammer und etliche Wall-Street-Größen eine lautstarke Kampagne gegen ihn fuhren und republikanische Mitglieder der SEC-Kommission einen Reformvorschlag nach dem nächsten aushebelten. Neue Regeln für den Aktienhandel zum Beispiel und mehr Aufsicht über Hedge Fonds und Anlagefonds. Cox, der bei seiner Nominierung vom freien Unternehmertum schwärmte, hat weniger erbitterte Widerstände zu erwarten. Die Cox-Nominierung signalisiert die Rückkehr zu gefügigen Direktoren, irreführenden Finanzberichten, entrechteten Aktionären und Managergehältern außer Kontrolle, hieß es bereits in einem erbosten Kommentar der Washington Post. In der Hauptstadt kursierten derweil Listen all der Reformen zur Unternehmensaufsicht, die Cox in seiner politischen Karriere blockiert hat.

Wenn sich die Befürchtungen seiner politischen Gegner als richtig erweisen, liegt Cox immerhin im Trend. Schon vor Monaten waren Unternehmerverbände dagegen Sturm gelaufen, dass die SEC es Aktionären leichter machen wollte, Direktoren vorzuschlagen und zu wählen. Die Kampagne hatte Erfolg, der Plan verschwand wieder. Der rabiate New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer, der mit ungewöhnlichem Eifer seit Jahren Unternehmens- und Finanzskandale aufdeckt, steckt inzwischen in der Zange: Sein Vorgehen gegen den überbezahlten Ex-Chef der New Yorker Börse, Dick Grasso, wird ihm inzwischen öffentlich als rein politisches Taktieren ausgelegt. Und auf dem Kapitol setzen sich einige Abgeordnete dafür ein, Spitzer und seinen Nachahmern in anderen Bundesstaaten das Handwerk zu legen. Staatsanwälte, so die Forderung, sollen künftig nicht mehr ohne Genehmigung der SEC einer Bank oder einem Unternehmen Reformen aufzwingen können.

Das Wirtschaftsmagazin Fortune ließ zwischenzeitlich errechnen, dass gleich nach der Skandalwelle in der amerikanischen Unternehmenswelt die viel kritisierten hohen Managerentlohnungen nicht aus der Mode kamen. Die mittleren Managementgehälter seien in Amerika eher noch gestiegen, berichtete das Magazin, und tatsächlich haben auch Skandalfirmen wie Tyco weiter gewaltige Summen in ihren Chefetagen verteilt.

Bei Diskussionen über Corporate Governance in Amerika lautet der Tenor heute: Gut, dass etwas geschehen ist - aber das Ergebnis ist zu kompliziert und sehr, sehr teuer. Da ist auch etwas dran. Die gleich nach dem Enron-Skandal hastig erlassenen Sarbanes-Oxley-Gesetze haben eine Fülle neuer Regeln für die Besetzung der Unternehmensspitzen, Direktorenposten und die Buchführung mit sich gebracht - und drakonische Strafen für Missetäter. Buchprüfern und Anwälten hat das Millionenbeträge in die Kassen gepült, zumal auch Sarbanes-Oxley nicht mit dem zersplitterten Aufsichtssystem an sich aufgeräumt hat. In Amerika überlappen sich viele staatliche Regeln: Bundesgesetze, Statuten von Aufsichtsbehörden, Musterprozesse vergangener Jahre und Jahrzehnte und die Regeln verschiedener Börsen. Es gibt zwar eine Flut neuer unabhängiger Direktoren - aber selten einen richtigen Aufstand gegen die Firmenspitzen. Checklist Governance ist eines der bösen Wörter, das man in diesen Tagen häufig hört: eine neue Welt der Unternehmensaufsicht voller Regeln und juristischer Fallen, in der man auf einer Liste formale Punkte abhakt - ohne wirklich an einer besseren Unternehmenskontrolle interessiert zu sein. In dieser Form könnten die amerikanischen Reformen erst mal bestehen bleiben. Weiter voran dürfte es vorerst nicht mehr gehen.