Die Fähigkeit zur Selbstillusion zeigt die menschliche Spezies eigentlich von einer liebenswerten Seite. All die Radfahrer zum Beispiel, die jedes Jahr während der Tour de France wie die Champignons aus dem Stadtbild sprießen, puterrot durch Parkanlagen hetzend, als ginge es zur Alpe d’Huez hinauf – sie lassen einem doch das Herz aufgehen, wenn sie sich in einem Lance-Armstrong-Tagtraum dahinbewegen. Vielleicht hegen sie ihn gar nicht und sind einfach stetige Sportler. Und nur der Betrachter unterstellt ihnen die Verstiegenheit kindlicher Ichfantasien – weil er heimlich auch mit solchen umgeht. Denn das ist es: Selbstillusionen sind nur dann erträglich, wenn sie sich verbergen. Sie gehören in den menschlichen Intimitäts- und Schambereich. Der Öffentlichkeit preisgegeben, sind sie peinlich wie nichts Zweites. Man denke nur an den grausamen Fall Susan Stahnke. An all die Leutchen, die nichts können, nicht singen, nicht tanzen, nicht schaupielern, es aber vor einem Publikum tun, dessen einziges Vergnügen darin bestehen kann, Zeuge der grotesken Verranntheit eines Nichtskönners in sein ideales Egobild vom Können zu sein.

Ein ganzer Zweig der Medienindustrie lebt von der kommerziellen Exhibitionierung von Selbstillusionen. Das gilt fürs Fernsehen wie für den Buchmarkt. Für all die Bücher, geschrieben, besser gesagt: hervorgebracht von Promis und Halbpromis, die auf einer schamverletzenden Vereinbarung mit der Käuferschaft beruhen. Nicht, weil irgendwelcher Intimkram, Bettgeschichten et cetera zum Besten gegeben wird. Sondern weil die empfindliche, tief persönliche, tief menschliche Asymmetrie zwischen realer und eingebildeter Eigenbedeutung ins Schaufenster gelegt wird. Auf den ersten Blick sind solche Bücher sagenhaft komisch. Auf den zweiten traurig. Der öffentliche Verrat der Selbstillusionen anderer betrifft immer auch die eigenen.

Zum Beispiel das Buch von Bodo und Bianca Illgner über: sie selbst und, nun ja, ihr bisheriges Leben. Für die Fußballfernen: Bodo Illgner war vor Jahren Torwart beim 1. FC Köln, kam in die deutsche Nationalmannschaft, trat nach der WM 1994 zurück, ging 1996 zu Real Madrid und beendete vor vier Jahren seine aktive Karriere. Bianca Illgner betätigte sich in verschärft geschäftsfördernder Weise als seine Managerin. Dominant ist ein liebliches Wort für ihr Agieren. Inzwischen leben die Illgners an irgendeinem Weltzipfel, wo es meistens schön warm ist. Wie auch immer: Mehr gibt es über die Illgners eigentlich nicht zu sagen. Illgners selbst sehen das anders. Sie sehen ihr Leben als literarischen, an Stoff reichen Roman und haben diesen, man will es kaum glauben, zweistimmig, in einer Art Wechselgesang verfasst.

Sie nennen sich in ihrem "fiktiven Tatsachenroman" Kevin und Jasmin und schreiben Sätze wie "Das war jetzt endgültig Kampf Mann gegen Mann" oder "In den ersten Tagen verlief unser Urlaub ein wenig hektisch" oder "Mein Penis schwoll in froher Erwartung an… zeitgleich tasteten ihre Hände zu dem Handtuch, das ich mir nach dem Duschen um die Hüften gelegt hatte." Man starrt auf diese Sätze, irgendwie fassungslos, dass es sie gibt, und durch sie hindurch in den Abgrund der Frage: Für wen um Himmels willen halten sich die Illgners? Für Sartre und Beauvoir? Für die Clintons? Oder einfach nur für die deutschen Beckhams?

Wirklich: Das Leben der Illgners geht in Ordnung. Sie sollen Handtücher um- und entschlingen, wo und wie sie wollen. Glücklich sollen sie in der Sonne sitzen und von sich träumen. Aber veröffentlicht zieht ihr nicht unkomisches Buch die traurige Frage auf sich, warum es für den Exhibitionismus des Körpers eine Tabugrenze gibt, für den unserer Selbstillusionen aber nicht. Und warum das Medienzeitalter vergessen hat, sie einzuführen. Ursula März