Hörbücher? Lesen da nicht irgendwelche Tanten Märchen, schlimmer: Gedichte vor? Orgeln da nicht längst verschollene Schau-Sprecher alte Dramen oder Romane? Nun gibt es aber Hörbücher, die man nur hören kann. Nix für die Augen. Alles für die Ohren. Und wie. Wind um die Ohren. Von der ersten Sekunde an. Wir sind auf einem Schiff. Helena Mary heißt der 116 Meter lange, 15 000 Pferdestärken mächtige Herings- und Schwarmfisch-Fänger. Der sollte in der Nordsee fischen. Da geht kein Wurm mehr ins Netz. Also fährt der High-Tech-Trawler in die Biskaya, wo auch kaum noch Schuppentiere leben, dann weiter nach Afrika, vor die Küste von Mauretanien. Jedoch: Kein Fisch, und sei er noch so klein, will an Bord.

An Bord ist eine Frau, die Fischerei- und Gewässerbiologie studiert hat. Ein paar Jahre lang hat die Wissenschaftlerin und (gute) Journalistin versucht, an Bord eines der Schiffe zu kommen, die mit Duldung der EU (also von mir und dir) die Meere nun auch in fremden Gewässern leerfischen. Jahrtausendelang sind die westafrikanischen Völker (und nicht nur sie) mit den Nahrungsschätzen vor ihren Küsten so behutsam umgegangen, dass auch für kommende Generationen noch etwas zu beißen übrig blieb. Jetzt zerstören riesige Fabrikschiffe mit Netzen von einem Kilometer Länge und Maschen mit wenigen Zentimetern nicht nur die Lebensgrundlage der Afrikaner, sondern auch den Quellgrund aller (!) Ozeane: Astrid Matthiae: In Ölzeug und Seidenschal - Mit Fischtrawler Helen Mary vor Mauretaniens Küste (1 CD, 75 Min., 16,90 e, ISBN 3-00-014389-0, astridmatthiae@t-online.de).

4000 Tonnen Fisch können täglich an Bord geholt werden. Von vierzig Schlachtern in der Fabrik im Bauch des Schiffes werden 250 Tonnen verarbeitet. Mit der modernen Pumptechnik, bei der das Netz nicht mehr an Bord gehievt muss, kann jetzt noch mehr Fisch geerntet werden als die bisher üblichen 70 bis 100 Tonnen. Dabei hilft eine gewaltige Ortungsmaschinerie: Zwölf Monitore für das Horizontal-Lot rund ums Schiff, und Vertikal-Lote mit Netz-Sonden. Die EU, also wir, zahlen den Ländern, denen wir Arbeit und Essen wegnehmen, ein paar Euro. Die kleinen Länder, deren Fischer bisher im Einbaum auf Jagd gingen, sind am Ende. Die Fische auch. Dieses Hörbuch ist ein SOS-Ruf. Jeder Abgeordnete in Straßburg sollte es hören.