Ein Jahr mag es her sein, da verfestigte sich bei Erhard Eppler der Eindruck, der Staat verflüchtige sich. Den Sozialdemokraten, mit denen er in Berlin über ein neues Grundsatzprogramm diskutierte, drohte nicht nur ihr prinzipielles, sondern das ganze Fundament abhanden zu kommen, auf dem sie ruhen. Schon ist ein Buch daraus geworden, Auslaufmodell Staat? (edition suhrkamp), mit dem Eppler dem Zeitgeist neoliberaler Ökonomen erfrischend klar und diskursiv zugleich widerspricht.

Gerhard Schröder hat den leidenschaftlichen Einspruch im Hauptstadtstudio der ARD vor laufenden Kameras vorgestellt. Ja, ohne Staat, ohne Europa, ohne multilaterale Organisationen geht es nicht! Nur: Warum nestelte dann der Kanzler unvermittelt, als Eppler seine Thesen zu erläutern begann, am Mikrofon, das er am Jackett trug, legte es zur Seite und stand sofort nach Ende des kleinen Vortrags auf, um wortlos davonzueilen? Er wollte Flagge zeigen, nicht aber diskutieren. Gerhard Schröder betreibt eine Politik des halb leeren Stuhls, jedenfalls bis zum 1. Juli.

Man liest Eppler mit ein wenig Melancholie: Über solche Köpfe verfügte die SPD einst. Wem traute man heute vergleichsweise grundsätzliche Urteile zu über den Staat, der vom Staatsterror im 20. Jahrhundert diskreditiert worden ist, von Moskau oder Ost-Berlin, über den Staatszerfall in weiten Teilen der Welt, über Ökonomen, die sagen können, was die Ökonomie an staatlichen Leistungen braucht, aber nicht sagen können, was der Citoyen wollen darf, also auch nicht, wie ein demokratischer Staat auszusehen hat - oder weshalb der Machtverlust von Nationalstaaten heute aufgehoben werden könnte in Europa? Kenntnisreich, reflektiert, ironisch, umfassend der Blick, temperamentvoll und weise. 78 Jahre ist dieser Eppler heute alt. Als junger Mann fing er mit einer Philippika gegen Karl Jaspers' Buch Wohin treibt die Bundesrepublik? an. Wohin treibt Karl Jaspers?, fragte er in der ZEIT. Gut, dass er im Winter, wenn er nicht gärtnern kann, junge Bücher schreibt.

Aber wohin treibt Gerhard Schröder? Dass die Schriftsteller, die er am 14.

Juli im Amt zu versammeln hoffte, nicht kommen wollen, wenn sie davon aus dem Spiegel erfahren, das ließe sich vielleicht noch verschmerzen. Ihre Stühle bleiben vermutlich ganz leer.

Dass aber der SPD und dem Kanzler der Staat abhanden gekommen ist, das ist schon mehr als eine Nebensache. Als Eppler sein Buch über das Auslaufmodell verfasste, konnte er nichts wissen von der Implosion der Regierung. Heute jedoch kann man es kaum anders lesen als (zumindest: auch) eine grandiose Erklärung für ihr Scheitern.