DIE ZEIT: Herr Negt, wie viel Hoffnung steckt für die deutsche Linke in der Kandidatur Oskar Lafontaines für das neue Linksbündnis aus "Wahlalternative" und PDS?

Oskar Negt: Davon erwarte ich nicht viel. Bestürzend finde ich allein schon, dass Lafontaine sich mit den meisten seiner politischen Botschaften über die Bild- Zeitung an die Öffentlichkeit wendet. Außerdem gibt mir die Art, wie er damals das Schiff verlassen hat, wenig Veranlassung, ihn für zuverlässig zu halten. Er ist eigentlich eine tragische Figur. Ich halte es für möglich, dass er, sollte es mit der neuen Partei nicht so gut gehen, wie er sich das vorgestellt hat, den Bettel gleich wieder hinwirft.

ZEIT: Viele halten die Kombination von Lafontaine und Gregor Gysi aber für ein besonders zugkräftiges Gespann.

Negt: Dass aus dieser Verbindung eine besondere politische Kraft wird, kann ich mir nicht vorstellen. Gysi und Lafontaine, das ist eine merkwürdige Verbindung von zwei Narzissten ohne politische Perspektive. Solche Parteigründungen und Versuche, sich ans parlamentarische System anzubinden, hat es ja immer wieder gegeben. Mag auch sein, dass die auf Anhieb sechs oder sieben Prozent gewinnen und in den Bundestag einziehen. Aber was können sie dann machen?

ZEIT: Hätte Lafontaine sich denn besser um den Vorsitz von Attac bemühen sollen?

Negt: Zivilgesellschaftliche Bewegungen wie Attac, amnesty international oder Greenpeace sind weltweit organisiert und sehr ernst zu nehmen. Die kann man nicht vergleichen mit dem Versuch, die Enttäuschten zu sammeln und zu bündeln und zu einer parlamentarischen Vertretung zu führen.

ZEIT: Kann man die Enttäuschten denn außerparlamentarisch besser bündeln?

Negt: Wenn außerparlamentarische Bewegungen eine bestimmte Stärke erreicht haben, was gegenwärtig noch nicht der Fall ist, können sie sehr viel bewirken. Im Augenblick setze ich sehr viel auf eine Verbindung von Gewerkschaften, Greenpeace, Attac, Menschenrechtsorganisationen.

ZEIT: Zuletzt hat Lafontaine mit Sprüchen über "Fremdarbeiter" und deren vermeintliche Rolle auf dem Arbeitsmarkt von sich reden gemacht. Teilen Sie die Meinung vieler Kritiker, dass der frühere SPD-Vorsitzende gar kein Linker mehr ist?

Negt: Das mit den "Fremdarbeitern" ist in der Tat eine verantwortungslose Wortwahl und bestärkt mich in dem Eindruck seiner Unkalkulierbarkeit und Unzuverlässigkeit. Darin kommt eine abwertende Haltung gegenüber Menschen mit Problemen auf dem Arbeitsmarkt zum Vorschein, und es macht deutlich, wie sehr in bestimmten linken Positionen auch rechtsradikales Potenzial stecken kann.

ZEIT:Lafontaines Forderungen nach Referenden über die EU-Verfassung, die Osterweiterung und die Aufnahme der Türkei erinnern stark an entsprechende Forderungen antiparlamentarischer Rechtspopulisten in Europa, von Haider über Blocher bis Le Pen, die nach direkter Demokratie immer dann rufen, wenn es ihren Zielen dient.

N egt: Der Unterschied ist tatsächlich nicht groß. Innerhalb der Linken ist diese Ausgrenzungsmentalität und damit ein rechtsradikales Potenzial virulent, weil sie die Probleme der Arbeitsgesellschaft in ihrer grundsätzlichen Dimension nicht sehen. Sie glauben – ähnlich wie die anderen Parteien und wie die Pragmatiker in der Bundesregierung – an die Beherrschbarkeit der Probleme innerhalb unseres bestehenden Systems mit Hilfe technischer Maßnahmen. Man fordert "klare Entscheidungen", und man definiert, ganz im Sinne von Carl Schmitt, einen Schuldigen, den Feind. Dieses Feindbild soll dem Zusammenhalt der Gesellschaft dienen. Und eben diese Feindbestimmung ist nach Schmitt – und jetzt auch nach Lafontaine – ein wesentliches Element der Politik. Aber auch wenn ein vormals Linker diese Position vertritt, ändert das nichts an ihrem rechtsradikalen Kern.

Z EIT: Verschiedene Studien zeigen, dass rechtsradikale Denkmuster und Mentalitäten auch auf der Linken verbreitet sind. Ist das ein Potenzial für das Linksbündnis von Gysi und Lafontaine?

Negt: Es gibt eine weit verbreitete Sehnsucht nach stabilen Verhältnissen. Viele Leute, gerade auch unter sozialdemokratischen Wählern, haben lieber stabile, wenn auch schlechte Verhältnisse, als instabile Verhältnisse, in denen vielleicht irgendwann etwas Besseres herauskommt. Das Ordnungsbedürfnis spielt eine große Rolle, weil es Halt verspricht. Das ist durchaus menschlich, aber darin steckt nun mal auch ein rechtsradikales Potenzial. Das ist der Angstrohstoff, den Populisten seit jeher ausbeuten. Daran knüpft auch das politische Versprechen der Rechtsradikalen an, "durchzugreifen", mit starker Hand Ordnung zu schaffen. Das erklärt auch das Auftreten vieler ehemaliger Linker heute auf der radikalen Rechten. Diese einstigen Vertreter der linken außerparlamentarischen Opposition vertreten unverfälscht rechtsradikale Positionen. Das sind Ordnungsfanatiker, die die Welt in "Wir hier drinnen, ihr da draußen" aufteilen. Das primitive Freund-Feind-Muster ist ein altes faschistisches Brandzeichen, in dem man meint, auch die Probleme der Arbeitsgesellschaft auflösen zu können.

ZEIT: Kehren wir in Deutschland zur Parteienlandschaft der Weimarer Republik zurück? Oder ist die Öffnung des Parteienspektrums nach links nicht einfach ein Stück europäische Normalisierung?

Negt: Das ist natürlich eine europäische Entwicklung. Insofern ist das auch eine Art Normalisierung der deutschen Geschichte.

ZEIT: Also auch nicht so bedrohlich, wie es die Analogien zu Weimar unterstellen?

Negt: Na ja, die Tatsache der Präsenz von Neofaschisten in der demokratischen Regierung Italiens hat schon etwas Bedrohliches. Dass das heute als normal gilt, ist ja nicht beruhigend. Das ist etwas, was man ursprünglich nicht mit der Idee einer europäischen Verfassung verbunden hat. Ich schätze die gesamteuropäische Gefahr eines Rechtsradikalismus sehr hoch ein. Wenn die sich untereinander verknüpfen und die passende charismatische Figur haben…

ZEIT: Noch einmal zur deutschen Linken: Ein Verteidiger Lafontaines könnte zu dessen Entlastung einwenden: Ja, soll er denn als Kritiker von Hartz IV schweigen, nur weil auch die Rechtsradikalen Hartz IV kritisieren? Muss er, um nicht als Populist zu gelten, dafür sein?

Negt: Ich denke, da handelt es sich doch um ein grundsätzlicheres Problem. Die Probleme der Arbeitsgesellschaft sind nun mal nicht kurzfristig, durch einfache technische oder juristische Eingriffe und markttechnische Lösungen zu bewältigen. Hartz IV mag im begrenzten Rahmen sinnvoll sein. Aber wenn die gesamte Krisenstrategie zur Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme auf die Agenda 2010 abgestellt wird, dann wird das zur reinen Ideologie. Darin steckt die Tragik der Systemblindheit. Das System selbst müsste reformiert werden, um die Probleme des Arbeitsmarkts zu bewältigen. Ich glaube, dass das, was der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering bei seinem kapitalismuskritischen Wutausbruch im Hinterkopf gehabt haben mag …

ZEIT: … Stichwort "Heuschrecken" …

Negt: … im Grunde richtig ist: nämlich, dass die ungehemmte Fortsetzung der frühkapitalistischen Plünderung der Reserven des gesellschaftlichen Reichtums jede Reform der Gesellschaft im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Neue Methoden zur Abschöpfung des gesellschaftlichen Reichtums im Interesse aller als Programm zu entwickeln wäre eine Alternative zu dem, was gegenwärtig passiert.

ZEIT: Zur "Abschöpfung des gesellschaftlichen Reichtums" ist Rot-Grün allerdings nie angetreten.

Negt: Ich glaube, dass sich das Symbol- und Sprachspektrum der Linken seit Jahren reduziert hat. Dazu hat der Legitimitätszuwachs des Kapitalismus im Gefolge des Zusammenbruchs des Realsozialismus und des Wegfalls der Systemkonkurrenz wesentlich beigetragen. Die Kapitalismuskritik ist dabei unter die Räder gekommen. Das Ringen um eine gesellschaftliche Utopie ist aus dem Spektrum der Linken verschwunden. Es sind heute Liberale wie Ralf Dahrendorf, die kritische Fragen an das System stellen. Oder Marion Gräfin Dönhoff, die am Ende ihres Lebens die programmatische Aufgabe formuliert hat: Wie kriegt man den Kapitalismus zurück in den Kulturzusammenhang einer zivilisierten Gesellschaft? Darum geht es.

ZEIT: Herr Negt, Sie kennen Gerhard Schröder seit vielen Jahren: Halten Sie seine Entscheidung, Neuwahlen anzustreben, für einen Befreiungsschlag in einer ausweglosen Situation, so wie er das sieht – oder für einen Fehler?

Negt: Das war ein Fehler. Er hat sein Scheitern so früh bekundet, dass daraus keinesfalls eine Bewegung zum Erhalt seiner Koalitionsregierung entstehen kann. Die Entmündigung der eigenen Partei dadurch, dass eine derart wichtige Entscheidung von zwei Personen allein getroffen wird, obwohl sie für viele Menschen weitreichende Folgen haben wird, war die falsche Entscheidung. Er hatte in dieser Frage offenbar auch keine Berater.

ZEIT: Was hätten Sie ihm denn geraten?

Negt: Ich hätte es für besser gehalten, offen zu sagen: Wir müssen damit rechnen, dass in dem verbleibenden Jahr nichts mehr zu bewegen ist, wir werden wegen der Lage im Bundesrat keine Gesetze mehr durchbekommen. Aber wir haben noch genügend Zeit zur Entwicklung von Perspektiven. Wir können immer noch politische Impulse geben. Wir können erklären, was wir richtig gemacht haben. Auch, was wir falsch gemacht haben. Es wäre eine Art Reflexionszeit geblieben. Die fehlt jetzt.

Die Fragen stellten

Gunter Hofmann und Werner A. Perger