Als der damalige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger im Wahlkampf 1969 im bayerischen Unterpfaffenhofen den Wählern ein Unheil kündendes "Ich sage nur: China, China, China…" zurief, antwortete ein frecher Juso im Publikum: "Auch bei uns in Unterpfaffenhofen?" Großes Gelächter. Heute würde niemand mehr lachen. Die Chinesen sind inzwischen da, globalökonomisch gesprochen, und die Arbeitsplätze sind weg, auch in Unterpfaffenhofen.

Mehr als drei Jahrzehnte später muss der deutsche Außenminister Joschka Fischer in seinem neuen Buch ein wesentlich umfangreicheres Ensemble endzeitlicher Gefährdungen staatlicher und individueller Sicherheit bemühen, um dem lesenden Wähler den Ernst der Lage zu schildern: "Islamistischer Totalitarismus", Bevölkerungsexplosion, Ressourcenknappheit, das Nebeneinander epochenversetzter Nationalkulturen in aller Welt, vorstaatliches Chaos in Afrika, Massenvernichtungswaffen in den Händen unberechenbarer Regierungen oder gar Terroristen, Drogenmafia in Südamerika, globale Verteilungskonflikte, destabilisiertes Ökosystem, Umweltkatastrophen, Epidemien, zusammengebrochene Staaten, Flüchtlingsströme, Genozide – der Autor lässt mit Ausnahme eines Meteoriten-Einschlags in seinem jüngsten Buch keinen Baustein einer säkularen Apokalypse aus. Natürlich hat er Recht – die Unordnung der Welt ist offenkundiger denn je, wenngleich der Eindruck nicht täuscht, dass hier ein Mann schreibt, von dem Heinrich Heine singt: "Ich unglückselger Atlas, die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen."

Der Vorwurf, die rot-grüne Politik habe keine Vision, stimmt im Falle Fischers nicht: Er hat eine schwarze, und sie ist das eschatologische Erbe seiner politisch-messianisch gestimmten Jugend zwischen den blauen Bänden von Marxengelsgesammeltewerke. Politische, gar klassenkämpferische Erlösungsperspektiven gibt es für Fischer nicht mehr, was bleibt, ist in seinem düsteren realpolitischen Testament zu Amtszeiten, denn darum handelt es sich, zu lesen: Schon wieder treibt die Welt ihrem Ende zu – und hinter ihr öffnet sich kein Reich der Freiheit mehr.

Seit wann ist Joschka Fischer ein wertkonservativer Politiker?

"Die Rückkehr der Geschichte" ist ein seltsames, dissertationsähnliches Buch, in dem keine Menschen (noch nicht einmal Schröder), sondern geopolitische Strukturen, in dem keine politisch-praktischen Rezepte, sondern großvolumige, ja, ehrenhafte Appelle an die Menschheit, an die universale Vernunft und vor allem an die Vereinigten Staaten die Hauptrollen spielen. Es ist außerdem ein überraschendes Buch: Die naheliegende Frage, wo ein Vizekanzler eigentlich die Zeit hernimmt, 304 Buchseiten zu füllen, während die Welt, wollten wir ihm glauben, ihrem Ende zutaumelt, verblasst vor einer anderen Frage – seit wann ist Fischer eigentlich jener wertkonservative Realpolitiker, dem die Rede einer ethisch legitimierten militärischen Interventionspolitik so flüssig aus der Feder fließt? Seit dem Kosovo-Einsatz der Bundeswehr im ersten Jahr seiner Amtszeit? Bestimmt wieder einmal das Sein das Bewusstsein? Hätten er und seine Partei im Herbst 1998 nicht zugestimmt, wäre er heute kein Außenminister.

Kann es sein, dass er ausgerechnet am drohenden Ende seiner politischen Karriere sein erstaunliches intellektuelles, lebenslanges Repetitorium abgeschlossen hat – und jene Autoren entdeckt, die während seiner legendären Jugend auf der schwarzen Liste der Frankfurter Linken standen: Hannah Arendt, Henry Kissinger, Hans Morgenthau, Irving Kristol, Henri Aron und andere Heroen des Congress for Cultural Freedom?

Der Kern seiner Weltschau ist schnell benannt: Da gibt es ein heroisierendes Bild der amerikanischen Revolution und ihrer Idee von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit; sichtbar wird eine unbeirrbare Solidarität mit Israel, deren Wurzel im Entsetzen über den deutschen Völkermord an Europas Juden liegt; und da blüht die Hoffnung, dass die zentrifugalen Kräfte des zerstörerischen Nationalismus zumindest in Europa gebändigt seien – eines Kontinents, der als Beispiel einer neuen Weltordnung dienen könnte. Das Buch erscheint pünktlich zur schwersten Identitätskrise der Europäischen Union.

Eine geschichtsphilosophische Studie ist das Werk trotz seines Titels nicht: Er besagt lediglich, dass Fukuyamas These vom "Ende der Geschichte" ein feuilletonistisches Aperçu war – die Unübersichtlichkeit konfligierender nationaler Interessen, ideologischer und ökonomischer Kräfte beschleunige vielmehr den krisenhaften Ablauf genau jener potenziell kriegerischen Prozesse, die wir aus der europäischen Geschichte diplomatischen und nationalistischen Irrsinns kennen. Diese Geschichte ist wieder da, in aller Welt entfalte sich gewissermaßen das Unruhemuster "Europa vom 17. bis zum 20. Jahrhundert". Dass die eigene, schmerzhafte Geschichtskenntnis den Europäern eine historische Interpretationshoheit über amerikanische, unilaterale Großmachtsgelüste verleihe, scheint Fischers seltsam eurozentrische Überzeugung zu sein.