Sonnenschutz. Kleidung nach dem Zwiebelprinzip. Einen Bauchbeutel für die Wertsachen. Und bequeme Schuhe. Das empfehlen schlaue Bücher nach Quito, der Hauptstadt Ecuadors, mitzunehmen. Edgar Ruiz, Inspektor der dortigen Städtischen Polizei, weiß, was wirklich wichtig gewesen wäre: Augentropfen. Wegen der trockenen, dünnen Höhenluft. Wegen des Smogs und der Abgase aus den Motoren, die hier, auf 2800 Metern über dem Meer, den Diesel nicht richtig verbrennen, weshalb Fahnen aus schwarzem Ruß hinter den Bussen herziehen.

Ruiz beobachtet meine roten, tränenden Augen, zupft ein Fläschchen Augentropfen aus der Uniformjacke und verzieht den Mund zu einem schüchternen Lächeln. Wir stehen am beliebtesten Aussichtspunkt der Stadt, auf einem Miniatur-Vulkankegel, der Monte Panecillo genannt wird, was übersetzt soviel wie "Brötchen-Hügel" bedeutet. Über uns eine kulturgeschichtlich wenig bedeutsame, 43 Meter hohe, aus 7000 Aluteilen zusammengeschweißte Statue der geflügelten Jungfrau von Quito. Zu unseren Füßen die am besten erhaltene koloniale Altstadt Lateinamerikas.

Feiner Staub, der das gleißende Höhenlicht reflektiert, formt eine zarte Dunstglocke, die die schachbrettartig angelegten, blendend weißen Häuserzeilen mit den rotbraunen Ziegeldächern wie ein Beet wirken lässt, auf dem als Blüten mosaikverzierte Kuppeln und barocke Glockentürme sitzen. Und selbst aus dieser Höhe ist zu erkennen, dass jeder Balkon kunstvoll geschnitzt oder geschmiedet wurde und nicht eine Fassade ohne den Schmuck von Putten, Wappen oder Rosen verblieb. "Nicht die Augen schließen! Diesen Blick wirst du nie vergessen", spornt Ruiz mein visuelles Durchhaltevermögen an.

Edgar Ruiz ist Polizist. Er ist Streife gegangen, hat Diebe verfolgt, Anzeigen aufgenommen und Protokolle geschrieben. Vor acht Jahren jedoch hat er sich für die Touristenpolizei von Quito beworben. Und seither hat Edgar Ruiz eine Mission: Er lehrt Fremde, seine Stadt zu lieben, als einer von 137 Tourismuspolizisten, die Quito sich, weltweit einmalig, aus kommunalen Mitteln leistet. 100 von ihnen sind an strategisch wichtigen Plätzen postiert, wo sie Fragen beantworten und Besuchern den Weg weisen. 37 weitere haben, wie Ruiz, eine Fremdenführer-Ausbildung absolviert und mindestens eine Sprache gebüffelt. Sie arbeiten hauptamtlich als uniformierte Fremdenführer. Sie wissen Barock von Klassizismus zu unterscheiden, sind Spezialisten für Daten, Fakten, und Legenden rund um ihre Heimatstadt und haben vor allem ein Talent dafür, Interesse zu wecken. "Ich will in den Augen der Fremden ein Feuer entfachen", sagt Ruiz. Ein interessierter Blick sei ein weit besserer Lohn als die Trinkgeld-Dollars, die Touristen ihm nach einer rund vierstündigen Stadtführung zustecken. Er hofft auf Augen, die nicht nur des Smogs wegen, sondern vor Begeisterung tränen.

Bevor er Polizist wurde, verkaufte Edgar Ruiz frittierte Empañadas

Quito streckt sich zu Füßen des gelegentlich grollenden Vulkans Pichincha über eine Länge von 50 Kilometer in ein nur vier Kilometer breites Hochtal zwischen der östlichen und der westlichen Andenkordillere. Der Höhe und des geringen Luftdrucks wegen müssen Transatlantik-Flieger, die von hier starten, im Flachland zum Tanken zwischenlanden. Und wer von unten kommt, fischt hier oben eine Zahnpastatube aus dem Necessaire, die geschwollen ist wie eine fette Wurst. "Das ist eine Grundregel der Physik, kinderleicht", erklärt Ruiz: "Fehlt der Luftdruck, der sie zusammenhält, beanspruchen Flüssigkeiten mehr Raum."

Von der Plaza Grande aus, an der die Tourismuspolizei stationiert ist, laufen wir in Richtung Plaza San Francisco, über die Calle de las Siete Cruzes, die nach den sieben heiligen Kirchen benannt ist, vor denen die Quiteños sich im Vorbeigehen bekreuzigen. Ruiz referiert: "Der spanische Konquistador Sebastián de Benalcázar erreichte die Siedlung am 10. Juni 1534 und war bitter enttäuscht, dass in den Trümmern der Tempel und Paläste des Inka-Königs Atahualpa nicht ein Krümel Gold mehr zu finden war." Zwei Jahre später legten Franziskaner-Mönche den Grundstein für das Kloster San Francisco. Dort wiederum wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Quito heute mit 40 prunkvollen Kirchen und 16 Klöstern glänzt: "Die Mönche haben den Indios nicht nur die Grundzüge der christlichen Lehre vermittelt, sondern ihnen im Colegio von San Francisco auch das Schnitzen und Malen religiöser Kunstwerke beigebracht". Ein Heer von Himmelshelfern wurde dort ausgebildet, das anschließend ausschwärmte und in der ganzen Stadt Steine schliff, Kanzeln schnitzte und Altarbilder schmiedete. Die so genannte Schule von Quito ist bekannt für ihre inbrünstigen Darstellungen von Paradies und Höllenfeuern, für die blutrünstigen Bilder von Sünde, Geilheit und Fegefeuer, aber auch dafür, dass die Indios noch lange Jahre ihre alten Götter in den neuen Glauben integrierten: Die Sonne, der Gott der Inkas, ist ein häufiger Gast auf den Kunstschätzen von Quitos Kirchen.

Wenn Ruiz solche Fakten vorträgt, gestikuliert er ausladend mit der rechten Hand, während die Linke still am Gürtel verweilt. In San Francisco angekommen, nimmt er die Schirmmütze ab und bekreuzigt sich vor dem überladen vergoldeten Altar, der ein Bildnis der geflügelten Jungfrau von Quito zeigt. "Nirgends sonst auf der Welt gibt es eine Marienfigur mit Flügeln. Wir haben gleich zwei." Die Goldmarie aus San Francisco und ihre Aluminiumschwester vom Monte Panecillo.