Gerechtigkeit für Serbien hieß ein Zeitungspamphlet, das der Schriftsteller Peter Handke 1996 veröffentlichte und das sich in zahllosen Nachträgen und Theaterstücken fortsetzte. Handke nannte damals die Balkan-Politik des Westens einen Skandal - eine Meute aus USAhörigen Politikern, korrupten Medienleuten und dreisten Humanitär-Aktivisten hätten den serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Derzeit ist Milosevic, der drei Kriege zur Wiederherstellung des großserbischen Reiches vom Zaum brach, vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in 66 Fällen angeklagt. Unter den von ihm benannten Entlastungszeugen ist auch Peter Handke. In der neuen Ausgabe der Zeitschrift Literaturen erklärt der Schriftsteller nun, warum er nicht in den Zeugenstand tritt, sondern die Rolle des literarischen Umwegzeugen vorzieht. Abgesehen von kleineren Verfahren, in denen die Schuld nichtserbischer Täter erwiesen wurde, betrachtet Handke das Hauptverfahren als Siegerjustiz, weshab Milosevic im Sinne der Anklage nicht schuldig sei. Wer bei dieser Farce als Zeuge auftrete, bekomme schmutzige Hände.

Auch wenn Handke hier und dort Zurückhaltung übt, so speist sich seine neuerliche Polemik gegen internationales Recht aus Halbwahrheiten und Häme.

Ein großer Schriftsteller liefert Reprisen der Verachtung. Seine einst so leuchtende Grammatik ist zernagt vom Ressentiment gegen alles, was auch nur von ferne nach Westen riecht, nach Engländern und Amerikanern und Vereinten Nationen. Dass in Srebenica Menschen starben, leugnet Handke nicht. Aber es waren, sagt ein Zeuge, Soldaten. Und hatte die serbische Polizei nicht zuvor 250 Muslime dem Roten Kreuz übergeben? Können Retter Mörder sein?

Handkes Irrtum ist leicht zu durchschauen. Er stellt sich zunächst in die Tradition einer Rechtskritik, die seit Platon den Verdacht hegt, das Recht werde dem Einzelfall nicht gerecht und verfehle die unendliche Idee einer letzten Gerechtigkeit. Würde es Handke beim dialektischen Zweifel am Recht belassen, dann hätte seine Stimme Gewicht. Stattdessen verwirft er die Menschenrechte im Namen eines anderen Rechts - des Rechts der ursprünglichen Volksgemeinschaft. Das heißt, wer über den Balkan-Krieg urteilt, darf dies nicht im Namen raumfremder Menschenrechte tun, sondern nur im Namen der in der Gegend eingewurzelten Rechtsvorstellungen, deren Vollzug fast ein Naturgeschehen sei.

Handkes Rechtsbegriff ist völkisch. Er kennt keine individuelle Verantwortung, und politische Macht ist immer im Recht. Dazu passt seine Deutung des Balkan-Krieges als eines tragischen Geschehens. Tragisch waren die Völker verstrickt, gesteuert mal von innen, mal von außen. Insgeheim suggeriert Handke, Schuld sei in der Natur der Geschichte immer schon vorhanden und suche sich die Ausführenden selbst. Deshalb gibt es keine Schuldigen im moralischen Sinn, nur Opfertäter und Täteropfer. Wer bislang Zweifel am Strafgerichtshof hegte, der lese Handkes Elaborat. Schlagartig wird ihm klar, welcher Fortschritt mit ihm verbunden ist.