Dahin ist die Berliner Illusion, die Regierung Bush werde Deutschlands Bewerbung um einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat am Ende doch unterstützen. Japan gern, verkündete Unterstaatssekretär Nicholas Burns vergangene Woche in Washington, und vielleicht noch ein Entwicklungsland. Aber nicht Deutschland. Hinterher glühten zwar die Telefondrähte, die Amerikaner baten, die Sache bitte nicht persönlich zu nehmen. Aber ihre Abfuhr für die Deutschen war nicht viel freundlicher als das Nein Chinas zu einem japanischen Sitz.

Späte Rache für Berlins Opposition gegen den Irak-Krieg? Das sei es wohl zuallerletzt, heißt es im Kanzleramt. Die Amerikaner sträubten sich gegen jede Erweiterung des Sicherheitsrates, weil sie nur verlieren könnten: Unterstützten sie den deutschen Wunsch, verprellten sie Italien; gäben sie der Forderung Indiens nach, verdürben sie es sich mit Pakistan. Was immer sie täten, sie blieben in einer lose-lose situation.

Was wie Pfeifen im Walde klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine (von Zweckoptimismus allerdings nicht gänzlich freie) plausible Analyse der globalen Interessenlage. Japan, Deutschland, Indien und Brasilien, die als Gruppe der Vier (G4) gemeinsam in den Sicherheitsrat streben, werden in den nächsten Tagen eine Resolution in der UN-Generalversammlung zur Abstimmung stellen. Ihr Antrag sieht auch zwei ständige Sitze für Afrika vor und vier zusätzliche nichtständige Sitze – je einen für Asien, Afrika, Lateinamerika und Osteuropa.

Der Charme der G4-Initiative: Von ihr profitieren alle Weltregionen. Afrika und Lateinamerika erhielten erstmals überhaupt einen ständigen Sitz, das bevölkerungsreiche Asien gewönne neben China zwei weitere hinzu. Ein Zugeständnis haben die vier dabei schon gemacht: Sie beanspruchen zwar dieselben Rechte und Pflichten wie die bisherigen ständigen fünf; aber auf das vornehmste aller Rechte, das Veto, wollen sie für 15 Jahre verzichten. "Wir möchten nicht in der Holzklasse sitzen", sagt ein Berliner Diplomat, "aber am Vetorecht sind wir letztlich nicht interessiert."

Geht es nach dem Zeitplan der G4, muss die Generalversammlung nun dreimal abstimmen: zunächst über die Zahl der neuen Sitze; dann über die einzelnen Bewerber; schließlich über die erforderliche Anpassung der UN-Charta. Benötigt wird stets eine Zwei-Drittel-Mehrheit – das sind 128 von 191 Staaten. Bei all diesen Abstimmungen hat auch Amerika nur eine Stimme. Erst bei der Ratifizierung könnte Washingtons Veto die Aufnahme Deutschlands stoppen.

Einen solchen Affront aber traut in Berlin kaum jemand der Regierung Bush zu. Der jetzige Einspruch, sagt ein Diplomat, sei in Wahrheit "ein eleganter Weg, sich zu enthalten". Tatsächlich haben die USA keine Gegenresolution zum Vorschlag der G4 eingebracht. Drei der fünf ständigen Ratsmitglieder – Frankreich, Großbritannien und Russland – haben Berlin ihrer Unterstützung versichert; Paris will die Resolution der vier sogar als Kosponsor mit einbringen.

Zum dritten Mal demarchieren die Botschafter der G4 in diesen Tagen weltweit gemeinsam für ihr Anliegen. Auch Japan hat den Bund trotz der Liebesgrüße aus Washington bisher nicht aufgekündigt. Der Schlüssel des Erfolges liegt aus Sicht der G4 derzeit bei den Afrikanern. In der Generalversammlung bringen diese es auf 53 Stimmen. Werden sie sich bei ihrem Gipfel Anfang Juli in Libyen auf zwei Kandidaten verständigen? Dann, kalkulieren die G4, wäre ihre Initiative kaum noch zu stoppen. Doch in Afrika gibt es mindestens drei Kandidaten: Südafrika, Ägypten und Nigeria. Keiner der drei wird seinen Anspruch so einfach aufgeben.

Wir müssen die Dynamik gegen alle amerikanischen und chinesischen Bremsmanöver aufrechterhalten, lautet die oberste Maxime der G4. Noch habe man die notwendigen 128 Stimmen zwar nicht zusammen, wird im Kanzleramt eingeräumt. Aber wenn die Strichlisten richtig geführt worden sind, fehlt nicht mehr viel. "Wir waren noch nie so nah dran", sagt ein Diplomat. "Jetzt wird es ernst. Wir befinden uns im Endspiel."