Der Hamburger CDU-Wirtschaftsrat hat eingeladen – in eine neue Mercedes-Niederlassung. Zwischen den Vorführwagen sitzt hanseatisches Bürgertum. Der Veranstalter redet über "Grausamkeiten", die der Wähler für notwendig halte, und kündigt seinen Hauptredner als "künftigen Minister für Arbeit und Soziales" an. So muss Peter Müller ausgerechnet unter dem Mercedes-Stern über die Zukunft des Sozialstaats und bevorstehende Kürzungen reden.

Müller, der saarländische Ministerpräsident mit dem Mister-Bean-Gesicht, passt nicht in das steife Ambiente. Er charmiert, frotzelt und erzählt Anekdoten über nette und weniger nette Saarländer; statt von "Grausamkeiten" redet er lieber von Reformen, und statt des angebotenen Weins trinkt er am Ende lieber Bier. Müller ist ein guter Unterhalter, bei seinem Auftritt wird viel gelacht. Seine Botschaften sind gleichwohl klarer als vieles, was sonst aus der Union zu hören ist: Der Kündigungsschutz soll gelockert, die Lebensarbeitszeit verlängert und die unpopuläre Gesundheitsprämie auf jeden Fall eingeführt werden – und eine Nettoentlastung bei den Steuern ist vorläufig nicht drin.

Die Aussicht auf Proteste schreckt Müller nicht. "Der Konsens ist meist der Feind der Erneuerung", sagt er, und für bestimmte Prinzipien müsse eine Partei notfalls auch die Mehrheit opfern. Drei zählt er auf, an denen sich die Union messen lassen soll. "Leistungsgerechtigkeit geht vor Verteilungsgerechtigkeit, Freiheit vor Gleichheit, und privat geht vor Staat", ruft er unter Beifall in den Saal. "Es ist wichtig, dass die Union eine geistig-moralische Wende vollzieht."

Wende, Moral, Freiheit: Mit solchen Begriffen traten die Sozialreformer der Volksparteien in Wahlkämpfen bisher nur selten an. Eher warnten sie vor "sozialer Kälte". Und Konsenssuche war nicht verpönt, sondern galt als Wert an sich. Nun bewirbt sich eine neue Riege von Reformern aus der Union ausdrücklich um das Mandat, den Sozialstaat kleiner und effizienter machen zu dürfen. Diese Politiker haben keine Wahlgeschenke im Gepäck und dem Wähler keine kurzfristigen Versprechungen zu machen. Sie verkörpern einen neuen Typ des Politikers in Deutschland, der vom Wähler einen Sanierungsauftrag will – mit einer anderen Rhetorik, anderen Zielen und anderen Prägungen als die klassischen CDU/CSU-Sozialpolitiker vom Schlage Heiner Geißlers oder Norbert Blüms. Und von vielen sozialdemokratischen Reformern unterscheidet sie, dass sie nicht gegen das eigene Gewissen anreformieren müssen.

Würden Sie es besser oder die Republik nur kälter machen? Würden die Wähler es mögen?

Als Ursula von der Leyen zum Podium in der kleinen hannoverischen Mehrzweckhalle tritt, wird es für einen Moment ganz still. Die niedersächsische Sozialministerin soll vor Kirchentagsbesuchern reden, von denen viele die zierliche Frau mit der Oberschülerinnen-Frisur noch nicht kennen. Sie spricht über Gerechtigkeit, und zunächst ist wenig zu hören, womit man normalerweise Wahlen gewinnt. Ihr Credo lautet: Sparen, Sparen, Sparen – zum Wohle künftiger Generationen. Von der Leyen begründet Kürzungen beim Blindengeld und harte Umstellungen im Gesundheitssystem. Immerhin: Kein anderer Unionspolitiker kann das Prämienmodell so kurz und einleuchtend erklären wie sie. Und keiner lächelt dabei freundlicher.