Höchstwahrscheinlich hat er an ein Happy End geglaubt. Denn als der Mittdreißiger zum nunmehr zweiten Mal heiratete, wähnte er sich endlich an der Seite jener Frau, die er seit Jahren verehrte und begehrte wie keine andere. Wie viele Liebesbriefe hatte er ihr geschrieben, als sie noch an verschiedenen Orten lebten? Und das Bedürfnis, sich ihr mitzuteilen, war auch nicht versiegt, als er vorerst mit einer anderen Küchentisch und Ehebett geteilt hatte. Im Gegenteil. Sie war und blieb seine Muse, seine Sehnsucht, die Frau, mit der er sogar von einer Familie träumte. Ideale Bedingungen also für eine lange und erfüllte Zweisamkeit – und doch kam alles anders.

Nach vier zunächst im Ausland, dann in der Heimatstadt verbrachten gemeinsamen Jahren gab sie ihm den Laufpass. Ein Verlust, den er wohl nie ganz verkraftet hat. Dafür spricht, dass er ihr auch nach der Trennung unbeirrt weiter Briefe schrieb, oft ihren Rat erfragte und sie schließlich in seinem Testament als Nachlassverwalterin einsetzte – so, als sei sie noch immer seine Ehefrau. Warum sie ihn verlassen hatte? Möglich, dass sie seine sexuellen Eskapaden leid war. Dafür bat er sie an seinem Lebensende um Verzeihung: Er habe "einen Goldklumpen in der Hand gehabt und sich nach Rechenpfennigen gebückt", schrieb er zerknirscht. Ihre kurzen Abschiedszeilen wiederum trug er bis zum Tod wie eine Reliquie bei sich, das zerfledderte Zeugnis einer Liebe, die unsterblich war und doch nicht von realer Dauer.

Vielleicht war die junge Frau aber auch einfach nicht selbstlos genug gewesen, um an der Seite des begabten, sensiblen und vermutlich auch hoch komplizierten Mannes lebenslang zu bestehen. Vielleicht hatte sie deshalb eines Tages entschieden, dass es genug sei und sie sich künftig um sich selbst kümmern sollte statt um ihn. Diese Deutung liegt nahe; denn auch in seiner nächsten Beziehung waren die Rollen ähnlich verteilt. Auch jene, seine letzte Begleiterin – so geht aus dem Briefwechsel hervor – war ihm Muse, Zuflucht, Trösterin, Beraterin. Und doch musste sie hinnehmen, dass es noch andere Geliebte gab und er nur vorübergehend bei ihr wohnte. In der Zwischenzeit führte sie dann ihr für damalige Verhältnisse erstaunlich emanzipiertes und engagiertes Leben weiter, ohne ihn.

Das war also wieder eine Liebe, die sich mehr in Briefen als im Leben ereignete – in der Tat die Form, die er am besten beherrschte. Fast kann man sagen, dass er sie zur eigenständigen Kunstform adelte. Wirkliche Nähe zu geben und zu nehmen, so schien es, war ihm nur in Momenten möglich. Dazu passt denn auch, dass er viel umherreiste. Allerdings verzichtete er dabei ungern auf Komfort; angeblich hatte er zwei große Schrankkoffer voller Anzüge und Wäsche dabei.

Psychologisch geschulte Biografen vermuteten später als Ursache seiner Bindungsprobleme eine unbewusste Angst vor Frauen, ausgelöst von der unnahbaren Mutter. Zumindest nach dem traurigen Ende seiner zweiten Ehe mag er sich einen dritten ernsthaften Versuch lange nicht mehr zugetraut haben. Und als er ihn sich zaghaft wieder vorstellen konnte, machten die äußeren Umstände zwei gekrümmte schwarze Striche durch die persönliche Rechnung.

Zu dieser Zeit lebte der unermüdliche Briefeschreiber, dessen Karriere über Jahrzehnte an den Pulsschlag zweier Metropolen geknüpft gewesen war, auf dem Land. "Für die große Stadt bin ich nun wohl endgültig verloren", sinnierte er in einem Brief, "es ist alles so ermüdend, mich freut das gar nicht mehr, es ist mir alles ganz egal. Und alles viel zu teuer…" Doch auch in der Idylle in der Nähe zur "hohen See", in der "die grünen Bäume gegen den grünen Himmel stehen", fühlte er sich zunehmend unbehaust.

Wer war’s?