Nein, ein "Praeceptor Germaniae" wie Dr. med. Siegbert Tarrasch, ein Lehrmeister Deutschlands war und ist er nicht. Dazu fehlt ihm das Dogmatische und Apodiktische, mit dem Tarrasch seine Meinungen und Lehrsätze verfocht. Und doch verbindet Wolfgang Unzicker, der am 26. Juni seinen 80. Geburtstag in beneidenswerter Gesundheit feiert, viel mit diesem vor 100 Jahren neben Emanuel Lasker stärksten Schachspieler der Welt.

Nicht nur in seiner Hinneigung zur Medizin, die ihm auch in seinem Beruf als Vorsitzender Richter am Bayerischen Verwaltungsgericht zustatten kam, studierte er auch dessen Schachlehrbücher sorgfältig und suchte wie dieser das freie Figurenspiel nach klassischen Prinzipien, klar und geradlinig, und spielt noch immer am ersten Brett vom Schachklub Tarrasch München von 1945 in der bayerischen Oberliga mit sehr gutem Erfolg.

Über Jahrzehnte hat der Münchner Großmeister das westdeutsche Nachkriegsschach geprägt und angeführt, immer korrekt, immer untadelig, nie einem Gegner ausweichend. Kneifen, Ausflüchte – undenkbar! Ich selber bin stolz, ihm viele Male nicht nur am Brett gegenübergesessen, sondern auch immerhin über zwei Jahrzehnte mit Wolfgang Unzicker zusammen in der deutschen Mannschaft gespielt zu haben.

Mit neun Weltmeistern von Euwe bis Kramnik hat Unzicker die Klingen gekreuzt, wobei ihm Siege gegen Botwinnik, Tal, Smyslow und Fischer gelangen. Man kann nur mutmaßen, wie weit es der zeitweilig weltbeste Amateur gebracht hätte, wenn er die Paragraphen zugunsten der Nimzo-Indischen Verteidigung etwas vernachlässigt hätte. Dass beides zugleich überhaupt möglich war, ist nicht zuletzt seinem berühmten Elefantengedächtnis zu verdanken. Jemand schrieb einmal: "Die Schubfächer seiner Erinnerung sind nicht minder ordentlich als die seines Schreibtischs."

Beim "Mainz Chess Classic" wird ihm zu Ehren am 9. und 10. August ein Gala-Turnier mit dem mehrfachen Vize-Weltmeister Viktor Kortschnoi, den Ex-Weltmeistern Boris Spassky und Anatoli Karpow und ihm selber ausgerichtet.

Sehen Sie, wie Unzicker als Weißer am Zug in Amsterdam 1954 den Israeli Moshe Czerniak mit einer wunderschönen Mattkombination besiegte?

Helmut Pfleger