Beim Confederations Cup spielt Argentinien ohne seinen einzigen Weltstar, Hernan Crespo vom FC Milan. Seine Absenz fällt kaum ins Gewicht. Trainer José Pekerman hat ein Gruppengefühl geschaffen, in dem viele Spieler aufblühen. Wie Juan Ramon Riquelme, der sich bei Barcelona nicht durchsetzen konnte. Jetzt ist er der Taktgeber der Nationalmannschaft. Wie Luciano Figueroa, der in Birmingham scheiterte und letzte Woche gegen Australien drei Tore schoss. Sie waren, wie die meisten anderen Spieler auch, von José Pekerman entdeckt und gefördert worden. Mit ihm spielen sie für den guten Ruf ihres Landes.

1992 wurde eine prügelnde argentinische Mannschaft von der Junioren-WM in Portugal ausgeschlossen, zwei Jahre später Diego Armando Maradona, Kokain im Blut, von der WM in den USA nach Hause geschickt. Dann kam José Pekerman als Nachwuchsausbilder zum Verband, und mit ihm begann eine neue Moral. 1995, 1997 und 2001 gewannen die argentinischen Junioren die U20-Weltmeisterschaft, und das war noch nicht das Erstaunlichste an der Geschichte. Das Erstaunlichste war, dass die für ihre Härte berüchtigten Argentinier jedes Mal auch den Fairness-Cup gewannen.

Pekerman, 56, hat den Argentiniern eine neue Spielkultur beigebracht. Bescheidenheit und Solidarität statt dreckigen Spiels und übersteigerten Machogehabes. Mit diesen Tugenden kommen die Argentinier den Brasilianern im ewigen Nachbarstreit um die regionale Vormachtstellung wieder sehr nahe, und sie gehören zu den Favoriten für die WM in Deutschland.

Eine Verletzung zwang José Pekerman mit 28 zum Rücktritt vom Profifußball, er hatte in Kolumbien gespielt. Als Juniorentrainer legte er die Basis für den heutigen Erfolg der Nationalmannschaft. Saviola, Riquelme, Aimar, Samuel, Sorin, alle hat er entdeckt und gefördert. Seit Oktober des vergangenen Jahres, nach dem überraschenden Rücktritt von Marcelo Bielsa, ist er Trainer der Nationalmannschaft. Jetzt hat er eine Auswahl zur Verfügung, die er selber ausgebildet hat. Nicht alle Jungs haben sich im internationalen Geschäft durchgesetzt. Aber keiner ist ein Star geworden, der nicht durch Pekermans Schule gegangen ist.

Er suchte Spieler, die technisch begabt, spielintelligent und lernfähig waren. Er versuchte, die Tugenden der beiden großen und verfeindeten argentinischen WM-Trainer zu versöhnen: den ästhetischen Fußball des Cesar Menotti, den kämpferischen Fleißfußball von Carlos Bilardo. Aber in jedem Training warnte er seine Spieler, sich nicht in Konflikte mit dem Gegner und dem Schiedsrichter ziehen zu lassen. Stattdessen hämmerte er ihnen ein: nicht aggressiv sein, nicht den Gegner gefährden, nicht mit dem Schiedsrichter diskutieren. Sonst vergesst ihr, was ihr könnt: gut Fußball spielen. Das aber kommt immer zuerst. Dann das Betragen auf dem Platz. Und dann kann man gewinnen oder verlieren. Aber die zwei Sachen dürfen nie fehlen.

Das sagte Pekerman seinen Spielern, und er sagte auch: Ein Spieler kann noch so gut sein, aber wenn er sich nicht in die Mannschaft fügt, dann fliegt er aus dem Team. Niemand erreicht etwas ohne eine gute Gruppe.

Neulich verlor Brasilien – es war Lulas schlimmste Stunde

Neulich traf die gute Gruppe dann auf die brasilianische Nationalmannschaft. Nach einem komfortablen Sieg gegen Paraguay war Brasilien praktisch für die WM qualifiziert, und Nationalcoach Parreira sagte: Jetzt wird die Begegnung mit Argentinien zu einem Luxusfreundschaftsspiel. Die Fernsehkommentatoren hielten sich die Bäuche vor Lachen und sagten: Das ist der beste Witz, den wir je gehört haben. Ein Freundschaftsspiel mit Argentinien, das hat es noch nie gegeben und wird es nie geben. Und sie rieben sich die Hände und verglichen ihre Offensivkräfte Ronaldinho, Kaka, Adriano und Robinho mit den unvergleichlichen Zauberern um Pelé, die 1970 die WM in Mexiko gewonnen hatten. Und dann legten die Argentinier los wie unter Strom, in der Pause führten sie mit 3:0, und in Brasilien gestand Staatspräsident Lula wenig später: Das war meine schlimmste Stunde. Er sagte das in einem Moment, als in der Hauptstadt Brasília ein Korruptionsskandal ausgebrochen war, der seine eigene Partei betraf und seine Regierung bedrohte. Was ihn aber tatsächlich beunruhigte, war der Erfolg des traditionellen Rivalen um die lokale Vorherrschaft. Natürlich weiß er auch, dass Fußballspiele mehr bedeuten als sportliches Glück. Argentinien, gebeutelt von einer schweren Wirtschafskrise, Folge von Schuldenwirtschaft und Korruption, ist dabei, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Und wie schon zu Zeiten des Niedergangs, als Maradona mit seinen Drogenskandalen die moralische Krise des Landes verkörperte, spiegelt der Fußball den Zeitenwechsel.