Es gibt die Berge der Lebenden und die Hügel der Toten. Es gibt den riesigen Berg der Menschen, die heute bei McDonald’s essen werden, und das Vorgebirge der Menschen, die bei Greenpeace Mitglied sind. Die andenförmige Gebirgskette dahinten, das sind die Menschen, die kürzlich beim European Song Contest zugesehen haben.

Am Berg der blinden afrikanischen Kinder und am Berg der Holocaust-Opfer vorbeigehend, erreichen wir die Inselgruppe derer, die heute sterben oder in einen Unfall verwickelt oder in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Es gibt den großen Berg der Mitarbeiter von British American Tobacco (BAT) und in seinem Schatten den flacheren Berg der Menschen, die heute an den Folgen des Rauchens sterben werden.

Die englische Künstlergruppe Stan’s Cafe hat beim Festival Theater der Welt in einer verlassenen Halle auf dem Stuttgarter Bahnhofsgelände eine Weltlandschaft errichtet, die aus Reis besteht. Jedes Korn symbolisiert einen Menschen. 104 Tonnen Reis, 6,4 Milliarden Körner, sind zu Gebirgen und Dünen, aber auch zu Halden und Körnersammlungen verarbeitet worden.

Sanfte Verrückte wiegen immer neue Menschenberge aus

Jedes Reisgebilde ist die Antwort auf eine Frage. Wie viele Geschiedene leben in Stuttgart? Die Mitglieder von Stan’s Cafe, Damen und Herren in Labormänteln, haben die Zahl recherchiert, und nun verwandeln sie Statistik in Masse, Quote in Anschauung: 60 Reiskörner (Menschen) wiegen etwa ein Gramm, und der Berg der Stuttgarter Geschiedenen wiegt genau 628,1 Gramm.

Nun wird der Haufen der Stuttgarter Geschiedenen in einer Schüssel von der Waage zum vorgesehenen Platz getragen und mit ritueller Sorgfalt auf ein Blatt Papier geschüttet. Kein Korn geht verloren. Der Kern aller Symbolik ist Ehrfurcht. Stan’s Cafe beschwört den Zusammenhang zwischen dem Korn und dem Menschen, den es darstellt.

Die Aktion heißt Of All the People in All the World und ist ein melancholischer Reflex auf den triumphalen Gestus, mit dem anderswo der Umstand gefeiert wird, dass wir so viele sind wie noch nie. Vor allem in der Werbung hat sich eine osmotische Erotik durchgesetzt, wenn Massen zu zeigen sind: der Mensch als eleganter Nomade, der Weltmarkt als Jungbrunnen und Ort dauernder Verwandlung, der Kaufrausch als sanfte Großorgie.

Wenn man das stille Massentheater von Stan’s Cafe erlebt, hat man andere Gefühle. Man sieht Ausgesetzte in sinnloser Zahl: die sortierte, gesiebte Gattung. Material für formende Hände, die nicht da sind. Man wird in den Stand eines beschämten, hilflosen Gottes versetzt. An einem großen Kontortisch mitten in der Halle wiegen die Damen und Herren aus England immer neue Menschenberge aus, diskrete, ein wenig verrückte Mitarbeiter der großen Schicksalsfabrik.