Ich habe meinen Großvater nie kennen gelernt. Er starb eine Woche bevor ich geboren wurde, im selben Krankenhaus in der Kölner Südstadt. Im Krankenhaus der Augustinnerinnen, dem "Klösterchen". Er muss um die sechzig gewesen sein, als er starb. Er hatte Magen- oder Darmkrebs und wahrscheinlich auch eine kaputte Leber: In den letzten Jahren hatte er in seiner Melancholie und Enttäuschung jede Mark an die Theke getragen. Kurz vor seinem Tod noch soll er fantasiert haben und erzählt, dass da oben, zwei Stockwerke über ihm, seine Tini liegt und gerade einen Jungen gekriegt hat.

Es gibt so einen Spruch in unserer Familie: "Jenau dä Platze Manes!" Ich sei die Reinkarnation vom Opa. Und ich träume schon lange davon, einmal für ein paar Tage in seine Schuhe zu schlüpfen. Mit seinen Augen seine Zeit zu erleben.

Hermann Platz, mein Großvater, war Kirchenmaler gewesen. In etlichen Kirchen in Köln gab es Fresken von ihm, viel hatte er auch restauriert. In Bad Münstereifel, am Rathaus, sind außen so Figuren dran. Ich erinnere mich, wie meine Mutter sie mir einmal zeigte und sagte: "Die hat der Opa gemalt." Sie erzählte auch vom "Jesus mit dem Nudelbart" in der Maternuskirche in Köln. Aber der hat den Krieg und die Bomben nicht überlebt.

Als die Zeiten schlechter wurden, in den dreißiger Jahren, bekam mein Großvater immer weniger Aufträge. Und zuletzt gar keine mehr. Um seine Familie, seine Frau und seine fünf Kinder, durchzubringen, musste er als Maler und Anstreicher arbeiten. Das hat er nie verwunden.

Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden würde, wenn ich wählen könnte: ob ich in der glücklichen Zeit meines Großvaters leben möchte oder in der unglücklichen.

Vielleicht in der glücklichen: Ich würde unter der frisch verputzten Decke einer Kirche liegen und ein Fresko malen. Direkt in den nassen Putz. Ich könnte das, wenn’s mir einer zeigen würde. Ich hab ja eigentlich Malerei studiert, bevor das mit BAP losging. Und damals war der Fotorealismus in, und ich war so froh, dass ich das Gymnasium und Latein und Mathe und Physik hinter mir hatte. Deshalb habe ich das auf der Kunsthochschule alles richtig ernst genommen. Ich hatte meine zweistöckige Gitarrenanlage verkauft und nur eine akustische Gitarre behalten, um ein bisschen zu klimpern, und hatte mir gesagt: "Am Malen, da bleibst du jetzt dran. Jetzt hast du die Chance, das alles zu lernen." Aktzeichnen und Anatomie und alles.

Da liege ich also auf dem Gerüst und arbeite wie ein Besessener. Es zieht. Farbe tropft mir ins Gesicht, mein Arm wird taub. Mein Rücken tut weh, aber ich vergesse alles: Zeit und Raum und dass mich der Pfarrer heute schon zweimal gefragt hat, wie’s denn vorangeht. Ob denn die Bilder auch wirklich "erhebend" werden und "nicht so modernes Zeug". Ich male, male, fantasiere – und frage mich am nächsten Tag: "Das alles hast du gemacht?" Und ich bin glücklich.