Mit seinem Vorhaben packt Bush ein heißes Eisen an. In Washington gilt es als sehr gefährlich für Politiker, die Sozialversicherung anzutasten. Sie ist nach den Depressionsjahren in den Dreißigern entstanden und wird vielfach als das erfolgreichste öffentliche System der USA gesehen. Für drei Viertel der Ruheständler macht die Sozialrente über 50 Prozent ihres Alterseinkommens aus, für ein Fünftel ist es sogar die einzige Einkommensquelle.

Die staatliche Versicherung ist ähnlich konstruiert wie die deutsche Rentenversicherung, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen jeweils 6,2 Prozent des Bruttoverdienstes in sie ein. Dabei finanziert jeweils die aktive Generation die Ruheständler. Das Geld wird also nicht angelegt, sondern gleich an heutige Rentner weitergeleitet.

Statt in die öffentliche Rentenkasse sollen nach Bushs Plänen die Rentenbeiträge künftig auf individuelle Konten fließen und in Aktien oder Anleihen investiert werden. Nur so könne die von 2041 an drohende langfristige Pleite des Systems verhindert werden, behauptet der Präsident. Kritiker sehen darin jedoch vor allem einen Versuch, die Rentenmilliarden für die Wall Street zugänglich zu machen. Die Finanzgemeinde gehörte mit rund 20 Millionen Dollar Spendengeldern zu den größten Sponsoren der Wahlkampagne Bushs.

Laut einer Studie des Finanzprofessors Austan Goolsbee von der University of Chicago würde die Privatisierung der Versicherung den Banken und Brokern in den nächsten 75 Jahren immerhin 940 Milliarden Dollar an zusätzlichen Einnahmen bescheren. Der Verband der Investmentbanken und Broker bestreitet dies allerdings. Im besten Falle erhielten die Finanzinstitute 279 Milliarden Dollar zusätzlich durch die Privatisierung, behauptet der Verband.

Doch ob Bush sein Vorhaben je verwirklichen kann, ist allerdings fraglich. Obwohl er unermüdlich für seine Pläne wirbt, zeigen sich die Amerikaner immer weniger davon überzeugt.

In den vergangenen Wochen hielt der Präsident immerhin 36 Reden in 27 Bundesstaaten über die Reform der Sozialversicherung. Das Marathon verfehlte offenbar sein Ziel: Eine Meinungsumfrage des TV-Senders ABC und der Washington Post Anfang des Monats ergab, dass nur ein Viertel der Befragten die Privatisierungspläne von George W. Bush begrüßten. Während der Päsident mehr Eigenverantwortung anpreise und die Eigentümergesellschaft propagiere, wollten die US-Bürger offenbar lieber die "Sicherheitsnetzgesellschaft", lästerte daraufhin das Magazin Business Week. hbu